Dass Menschen mit geistigen Behinderungen ihren Alltag selbstbestimmt gestalten können, beweisen die 22 Bewohner des Hauses am Thie 1a in Blankenburg. Dort fühlen sie sich selbst wie in einer großen Familie.

Blankenburg l Wer "Gemeinnütziger Verein für Sozialeinrichtungen" in Blankenburg oder kurz nur GVS hört, denkt sofort an Altenpflegeheime, Mehrgenerationenhaus und Kindergärten. Doch wird unter der Regie dieses Sozialvereins auch ein ganz besonderes Betreuungsangebot abgesichert: das Geschützte Wohnen. In einer schmucken Villa am Thie 1a finden acht Frauen und 14 Männer ein Zuhause, die zwar mit einer geistigen Behinderung leben, aber selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden.

Hausleiterin Ute Henning begeistert immer wieder aufs Neue, wie die Bewohner ihren Alltag organisieren. "Hier gehören alle zusammen. Wir leben den familiären Gedanken", sagt sie. Alles, was im Haus passiert, werde bei den monatlichen "Familientreffen" abgesprochen. Früher hießen diese Runden Heimversammlung. Bis die Bewohner meinten, dass doch das Wort Familie viel besser passe. Immerhin leben sie ja wie in einer großen Wohngemeinschaft zusammen.

"Alle gehören zusammen. Wir leben hier den familiären Gedanken."

Dass der Begriff Familie wirklich stimmt, haben Anfang des Jahres zwei Heimbewohner auf ganz besondere Weise gezeigt. Sie heirateten. Dieter und Daniela Behrens, die seit nunmehr 24 Jahren in der Villa wohnen, gaben sich bei der Zeremonie im Blankenburger Rathaus das Ja-Wort. Ein besonderer Höhepunkt war die Fahrt in einem Oldtimer, den Pfarrer Oliver Meißner nicht nur blitzblank gewienert hatte. Er chauffierte das Brautpaar auch persönlich durch die Stadt. "Dann wurde im Haus weitergefeiert", denkt Ute Henning gern an diesen Tag zurück.

Das Haus am Thiepark verfügt insgesamt über 13 modern eingerichtete Ein- und Zweibettzimmer, gemütliche Gemeinschaftsräume und eine große Küche. Küchen- und Hausdienste werden nach Plan organisiert. Unterstützung erhalten sie von Ute Henning, Kerstin Wiese sowie drei weiteren pädagogischen Mitarbeiterinnen, die den Bewohnern mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Tagsüber ist es allerdings recht ruhig in der Villa, denn alle Bewohner gehen einer regelmäßigen Tätigkeit nach. "Voraussetzung ist, dass sie in einer Behindertenwerkstatt arbeiten oder auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelbar sind", erläutert Ute Henning. Eine Ausnahme ist der älteste Heimbewohner Egon. Dem 72-Jährigen ermöglicht die Lebenshilfe GmbH mit ihrer Gruppe für leistungsgeminderte Mitarbeiter, in seinem behüteten und gewohnten Zuhause bleiben zu können.

Neben der Arbeit steht bei den Hausbewohnern auch die gemeinsame Freizeit hoch im Kurs. So erlebten sie in diesem Jahr eine Tagesfahrt ans Steinhuder Meer sowie einen einwöchigen Urlaub in Rußbach im Salzkammergut. "Der Bus von Andreas Schwarzenberg hat uns wie immer gut und sicher dorthin und wieder zurückgebracht", sagt Ute Henning. Besondere Eindrücke hinterließen die Ausflüge nach Salzburg, zum Wolfgangsee und zur zweitgrößten österreichischen Alm, der Postalm, sowie eine Fronleichnamsprozession.

"Nach mehreren Jahren an der Ostsee wollten unsere Bewohner mal etwas anderes sehen", so Ute Henning. Im kommenden Jahr soll es auf einen Bauernhof nach Thüringen gehen. Allerdings sei es inzwischen immer schwerer geworden, solche Urlaube für Menschen mit Behinderungen zu organisieren.

Ein besonderes Dankeschön richtet sie an Elke Thomas und ihre Kollegen aus einer Blankenburger Physiotherapie. Sie nehmen sich jeden Freitag anderthalb Stunden Zeit, um mit den Bewohnern Sport zu treiben. Im Vordergrund stehen Gymnastik und Koordinationsübungen. "Dabei gehen sie sehr auf die Bewohner ein", lobt Ute Henning die gute Zusammenarbeit.

"Die Bewohner sind immer stolz, ihr Zuhause zeigen zu können."

Wer sich selbst ein Bild vom Geschützten Wohnen verschaffen möchte, sollte sich den Sonnabend, 22. November, vormerken. Dann läuten die Bewohner mit ihren Betreuern und weiteren Helfern die Adventsveranstaltungen in Blankenburg ein. Traditionell können sich alle Interessierten von 15 bis 18 in dem festlich geschmückten Haus umschauen. "Die Bewohner sind immer stolz, ihr Zuhause zeigen zu können", lädt Ute Henning herzlich ein. Die Gäste können danach bei Kaffee, Kuchen und vorweihnachtlichen Überraschungen gemütliche Stunden begehen. Ein kleiner Basar mit weihnachtlichen Deko-Ideen, gestaltet von Andrea Preuß, rundet diesen Nachmittag ab.

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