Rübeland l "Die Tropfsteinhöhlenführer sind in die Jahre gekommen", sagt Friedhart Knolle. Da er selbst als Forscher unter Tage sei, habe er der Bitte gern entsprochen, bei der Überarbeitung zu helfen. Bei seinen Recherchen sei er immer wieder auf die Legende von Bergmann Baumann gestoßen, dem eines der beiden Rübeländer Naturwunder seinen Namen zu verdanken hat. Der Kumpel soll im Jahre 1536 bei der Suche nach Eisenerz zufällig auf den Hohlraum gestoßen und tagelang in ihm herumgeirrt sein.

Der 59-Jährige: "Das ist Nonsens." Tatsächlich hätten dort bereits die Neandertaler gehaust. Dies belegten entsprechende Funde aus der Steinzeit. Knolle: "Es hat nie eine Entdeckung gegeben und auch keinen Entdecker." In den aus dieser Zeit erhaltenen Rübeländer Kirchenbüchern sei der Name nicht zu finden. Erst viele Jahre später tauchten dort Baumanns auf.

Die wirklichen Fakten seien längst bekannt und publiziert, aber wohl manch einem nicht genehm. Der Goslarer zitiert zum Beweis aus dem dritten Jahrgang der Harzzeitschrift von 1870. Dort hatte ein gewisser Gustav Heyse den Ursprung der Baumann-Legende klargestellt und zu den wirklichen frühen Nennungen der Höhle auf seine erstmals 1857 erschienenen "Beiträge zur Erwähnung des Harzes" verwiesen.

In der zweiten Auflage 1874 wurde durch den Sammler von Bergwerksmarken und Fossilien die Entstehungsgeschichte sehr detailliert untersucht. Zudem war von Heyse noch die älteste überhaupt bekannte Erwähnung durch Gesner (1565) nachgetragen worden. Bis dahin sei die Beschreibung von Eckstorm 1591 in der "historia terae motuum" ein hinreichender Beleg gewesen.

Friedhart Knolle: "Heyse amüsiert sich übrigens über die Tatsache, dass dem guten Baumann noch der Vorname Friedrich verliehen wurde." Dieser komme in der älteren Literatur nicht vor.

Dass aus der Legende letztlich eine Lüge wurde, sei ein Werk der Nationalsozialisten. Der Forscher: "1933 wurde Dietrich Klagges Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig." Zu dessen engen Freunden habe Rübelands Höhlendirektor Bernhard Lange gehört. In dessen Regie sei 1935/36 der Zuschauerraum in der Baumannshöhle entstanden. Dazu habe man die riesigen Felsbrocken in der damals noch Tanzsaal genannten Halle zerkleinert und weggeräumt. Zudem seien beide Bühnen und der kleine See in ihrer heutigen Form entstanden. Friedhart Knolle: "So etwas, wie es mit dem Goethesaal passiert ist, wäre heute Höhlenschändung."

Den späteren SS-Scharführer Lange und seinen Spezi habe das nicht gestört. Klagges sei schließlich auch Chef des Harzer Verkehrsverbandes und als solcher interessiert am Aufschwung des Fremdenverkehrs in der Region gewesen.

Der Wissenschaftler: "Für eine `400-Jahr-Feier` 1936 wurde eigens das Märchen von Bergmann Baumann umgemünzt auf 1536." Mehr noch: Der Höhlendirektor habe dafür das Volksspiel "Die vom rauhen Lande" geschrieben.

Knolle: "Der Harz spielte eine aktive Rolle in der `Neuordnung` der deutschen Höhlenforschung." Der 1938 gegründete Bund der Höhlen und Schaubergwerke e. V. (später Reichsbund Deutscher Höhlen- und Schaubergwerke e. V.) habe seinen Sitz in Rübeland erhalten. Zu seinem Bundesleiter sei der engagierte Nazi Bernhard Lange gekürt worden.

Die Leitung dieses Reichsbundes habe kriegswichtige Weisungen veröffentlichen lassen, welche die gleichgeschalteten Höhlen vor Zerstörungen und Plünderungen schützen sollten. Verursacher seien der Behörde zur Bestrafung anzuzeigen gewesen.

Der Forscher: "Ich bin einem englischen Geheimdienstbericht von 1945 fündig geworden." Im "Engineering Geology in Germany" würden im Report No. 4 unterirdische Produktionsstätten und Lager aufgelistet. Darunter auch die Baumannshöhle, auf bisher unbekannte Weise genutzt von der Junkers Flugzeug und Motorenwerken AG. Knolle: "Darüber habe ich woanders noch nie etwas gefunden." Er hoffe auf Zeitzeugen, die ihm Auskunft geben können. Fest stehe , dass die Baumannshöhle bereits früh zur Nutzung als Luftschutzraum geplant wurde. Sie habe unter dem Codenamen "Gulden" firmiert.

Ebenfalls verbürgt sei ein Jubiläum, das es 2016 zu würdigen gilt. 150 Jahre Hermannshöhle. "Als Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher nehmen wir dies zum Anlass, unsere Jahrestagung in Rübeland auszurichten", kündigt Knolle an, der zugleich Schriftwart des gemeinnützigen Vereins ist.

Stimme hier übrigens zwar die Jahreszahl 1866, so habe es bei der Hermannshöhle aber wohl ebenfalls einen gehörigen Betrug gegeben. Der Geologe: "Sie wurde beim Straßenbau durch Fritz Sorge entdeckt. Nicht durch den geschäftstüchtigen Wilhelm Angerstein I., der dafür von der Regierung sogar Geld forderte." Der Vorarbeiter habe den "armen Schlucker" Sorge deshalb gleich nach dessen Fund versetzt. Doch das, so Friedhart Knolle, "ist schon eine ganz andere Geschichte".

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