Ein jahrelanger Kampf kann nun doch noch ein glückliches Ende finden. Carola Bänecke aus Derenburg steht womöglich Geld für noch nicht genommenen Urlaub ihres verstorbenen Mannes zu. Das Landesarbeitsgericht Hamm hat am Donnerstag erstmals ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes angewandt, was auch für die Stadtverwaltung Blankenburg Konsequenzen haben dürfte.

Derenburg l Gülay Bollacke aus dem nordrhein-westfälischen Stadtlohn hat am Donnerstag deutsche Justizgeschichte geschrieben. Sie erhält Geld für nicht genommene Urlaubstage ihres plötzlich verstorbenen Ehemannes. Ein Novum. Bisher hatten deutsche Gerichte immer geurteilt, dass ein Urlaubsanspruch mit dem Tod des Arbeitnehmers verfällt.

Der Europäische Gerichtshof hatte bereits am 12. Juni ein gegenteiliges Urteil gefällt: Ist beim Tod des Arbeitnehmers noch bezahlter Jahresurlaub offen, verfällt dieser nach dem Tod nicht und ist vererblich. Die Erben können diesen wichtigen Anspruch gegen den Arbeitgeber geltend machen, so die Richter (Az.: C 118/13).

Im Fall von Gülay Bollacke hat das Landesarbeitsgericht am Donnerstag einen Vergleich zwischen dem beklagten Arbeitgeber und der Witwe vorgeschlagen, dem beide Parteien laut einem Beitrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zugestimmt haben.

Auch in Derenburg macht sich nach diesem Prozess-Ausgang Hoffnung breit. Carola Bänecke streitet sich seit 2011 mit der Blankenburger Stadtverwaltung. Ihr Fall ist ähnlich gelagert wie der im 270 Kilometer entfernten Stadtlohn.

Ein Blick zurück: Wolfgang Bänecke, Jahrgang 1958, fängt als Heizer bei der Stadtverwaltung Derenburg an. Später sorgt er mit seinen Kollegen vom Bauhof dafür, dass im Rathaus, im Kindergarten und in der Schwaneckschen Villa alles in Ordnung ist. Dann wird ihm die Betreuung der Derenburger Erdstoffdeponie übertragen. Freunde und Kollegen können sich nicht erinnern, dass "Igel", wie sie ihn liebevoll nennen, jemals krank war. Dann der Schock. Anfang 2011 erkrankt der Familienvater schwer. "Ihm wurden zwei Bypässe gelegt. Nach der Herz-Operation bekam er eine schwere Lungenentzündung", erzählt Carola Bänecke. Trotzdem erholt sich ihr Mann überraschend schnell. Er will sofort wieder arbeiten. Am 1. April zieht er sich seinen Arbeitsanzug an und meldet sich zurück. Doch schon wenige Wochen später kommen die Schmerzen. Es folgen Krankenhausaufenthalte, eine Operation und die schockierende Nachricht: Krebs.

Carola Bänecke bekommt in jenen Tagen große Unterstützung von der Onkologischen Abteilung des Harzklinikums in Wernigerode. Ihr wird geraten, das Urlaubsgeld - immerhin für 42 entgangene Tage - für ihren Mann zu beantragen. Zudem für jene Tage, die ihm zusätzlich zustehen, weil er inzwischen als schwerbeschädigt eingestuft ist. "Dann kam die Absage", erinnert sich Carola Bänecke an das Schreiben der Blankenburger Stadtverwaltung. "Das hat meinem Mann sehr zu schaffen gemacht", sagt sie. Denn mit dem Geld hätten sie sich gern noch den ein oder anderen Wunsch erfüllt.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Am 24. August 2012 verliert Wolfgang Bänecke den Kampf gegen seine heimtückische Krankheit. Was folgt, hat seine Witwe richtig wütend gemacht und fast verzagen lassen. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts fordert sie das ausstehende Geld. Vergebens. "Es kamen immer nur Ausreden", sagt sie verbittert.

In einem ersten Schreiben verweist Blankenburgs Bürgermeister Hanns-Michael Noll (CDU) auf die ursprüngliche Gesetzeslage, wonach die Urlaubsabgeltung mit dem Tod des Arbeitnehmers erlösche. In einem späterem Schreiben wird gegenüber dem Volksstimme-Leseranwalt ein angeblich fehlender Antrag als Grund genannt, nicht zahlen zu müssen.

Damit lässt sich die 53-Jährige aber nicht abspeisen. Sie erfährt von der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes und nimmt einen neuerlichen Anlauf. Und wird wieder vertröstet. Nun, so heißt es in dem Schreiben vom 28. Juli, soll zunächst die Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamm abgewartet werden. "Der Kommunale Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalt informiert zu gegebener Zeit, wie diese Gerichtsurteile im Rahmen der Anwendung des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst anzuwenden sind", heißt es dort.

Am Donnerstag hat nun eine Richterin in Hamm dem Tauziehen um nicht abgegoltene Urlaubsansprüche eines verstorbenen Arbeitnehmers ein Ende bereitet - nach fünf Jahren. Auch der Kampf von Carola Bänecke dauert nun schon mehr als zwei Jahre. Seit Donnerstag darf sie sich wohl berechtigte Hoffnung machen, dass dieser Kampf nicht umsonst gewesen ist.