Volksstimme: Herr Hörseljau, wann haben Sie den Brocken zum ersten Mal in Ihrem Leben gesehen?
Hansjörg Hörseljau: Meine Eltern sind 1974 nach St. Andreasberg in den Harz gezogen, ich war damals 14 Jahre alt. In dieser Zeit muss ich den Brocken zum ersten Mal gesehen haben. Mein Schulweg führte von St.Andreasberg über Sonnenberg zum Gymnasium nach Clausthal. Vom Bus aus habe ich den Brocken jahrelang zwei Mal am Tag vor mir gehabt. Er lag zum Greifen nah.

Was war das Besondere an diesem Berg?
Ich habe generell eine Affinität zu Höhe. Ich wollte schon immer auf Kirchtürme, auf Berge und hohe Gebäude klettern und von ganz oben nach unten gucken. Nun lag der Brocken immer vor mir, er war ganz nah - und ich konnte da nicht hoch. Das war ein merkwürdiges Gefühl.

Wann waren Sie zum ersten Mal oben?
Ein Bekannter hatte mir am 27. November 1989 bei einer Konferenz in Göttingen erzählt, dass am 3. Dezember eine Demo zum Brocken stattfindet. Ich war sofort fest entschlossen, dabei zu sein. Am besagten Tag bin ich über den provisorischen Grenzübergang bei Stapelburg nach Ilsenburg gefahren. Das war etwas Ungewöhnliches als Westdeutscher. Die DDR-Bürger konnten bereits nach Westdeutschland reisen, aber wir Westdeutschen durften erst ab dem ersten Weihnachtsfeiertag ohne Visum in die DDR. Ich hatte zufällig einen Mehrfachberechtigungsschein und durfte nach Ilsenburg fahren. Von dort aus sind die Demonstranten des Sternmarsches zum Brocken gewandert. Der Blick da hinauf war für mich ganz besonders. Ich kannte den Brocken zwar aus meiner Richtung, aber nicht von Osten her. Die Silhouette war ja anders herum.

Wie haben Sie den 3. Dezember 1989 erlebt?
Es war ein toller Tag mit schönem Wetter. Die Leute sind im Gänsemarsch hintereinander durch den knöcheltiefen Schnee gelaufen. Wo der Wanderweg von Ilsenburg auf die Brockenstraße trifft, haben die Grenztruppen Würstchen und Getränke verkauft. Das muss man sich vorstellen: Würstchen statt Waffen! Dann warteten wir vor dem großen Tor. Der Brocken war ja vollständig umrundet von der Mauer. Dass eine Mauer so hoch sein konnte, hatte ich mir so nicht vorgestellt. Eine Mauer, die so vollständig war, gab es nur in Berlin und auf dem Brocken. Das war außergewöhnlich.

Waren die Ostdeutschen für Sie irgendwie "anders"?
Nein - wir waren schließlich alle Harzer. Und wir hatten eine Gemeinsamkeit: Wir Westdeutschen durften nicht auf den Brocken und die DDR-Bürger genauso wenig. Da gab es keinen Unterschied. Einige Ältere aus der DDR kannten ihn noch aus ihrer Kindheit. Für uns Westdeutsche war der Brocken schon seit 1948 nicht mehr erreichbar. Nicht der Mauerfall, sondern die Brockenöffnung ist für uns Harzer der eigentliche, der echte Gedenktag. Die Ausstellung ist für mich eine Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen, was hier passiert ist. Die meisten Bilder, die man aus der Wendezeit sieht, sind aus Berlin. Aber der Harz kann da mithalten.

Als Fotograf waren Sie damals zur rechten Zeit am rechten Ort. Kann man das so sagen?
Ja, durchaus. Die ganze Wendezeit war ein Thema, das auch für die überregionalen Medien interessant war. Als ich die Ausstellung vorbereitet habe, ist mir klar geworden, dass damals Zeitgeschichte geschrieben wurde. Heute sind die Themen eher langweilig.

Wann haben Sie mit dem Fotografieren begonnen?
Von meinem Konfirmationsgeld habe ich mir eine Kamera des Typs "Revue" gekauft. Eine wunderbare Kamera. Ich bin damit durch den Harz gestreift, war in der Natur und entlang der Grenze unterwegs. Nach dem Abitur habe ich mich in Essen für Kommunikationsdesign beworben. Von 600 Bewerbern haben sie nur 30 aufgenommen. Ich war darunter. Noch während des Studiums habe ich mich selbstständig gemacht und dann viel im Harz fotografiert.

Welche Bilder erwarten die Besucher in der Ausstellung?
Insgesamt sind etwa 75 Fotografien zu sehen, viele davon zum ersten Mal. Viele der ausgestellten Fotos sind am 3. Dezember entstanden. Ich habe aber schon in den 1980er Jahren an der Grenze fotografiert - aus Westsicht. Ich kam ja ganz nah an die Grenze heran. Jetzt, mehr als 25 Jahre später, habe ich die gleichen Orte wieder fotografiert. In der Ausstellung werden die Bilder aus den 1980er Jahren denen von heute gegenübergestellt. Die Fotografien von damals mit der Grenze sind natürlich spektakulärer. Es gibt zum Beispiel ein Bild aus Abbenrode. Mitten durch das Feld verläuft 1985 der Grenzzaun. Heute ist da nichts mehr, nur noch ein leeres Feld.

Welche Bilder sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Die Russen waren bis zum 30.März 1994 auf dem Brocken. Ich habe sie in ihrem Pförtnerhäuschen fotografiert. Auf dem Foto stehen zwei, drei russische Soldaten mit ihren beiden Hunden. Die beiden Hunde wurden Lenin und Stalin genannt. Ich wollte aber auch das dokumentieren, was im Westen geschah. Viele Berge im Harz waren von Geheimdiensten besetzt. Der Aufklärungsturm auf dem Stöberhai gehörte dazu, er ist 2006 gesprengt werden. Die Schalke zwischen Clausthal und Goslar war ein weiterer wichtiger Horchposten der Deutschen und Franzosen auf der Westseite. Auch diese Fotografien sind in der Ausstellung zu sehen.

Sind Sie heute noch vom Brocken beeindruckt?
Ich finde den Brocken nach wie vor interessant und bin oft oben, aber eher zu den Randzeiten, morgens und abends. Wenn man diese fantastische Fernsicht hat und bis zum Thüringer Wald sieht, 120 bis 180 Kilometer weit, ist das faszinierend.