Als Rena Schilling 20Jahre alt wurde, versank Merseburg in einem Flammenmeer. Sie hat die Bombenangriffe und die Wirren des Kriegsendes überstanden. All diese Erlebnisse hat sie in ihrem Tagebuch festgehalten. Am morgigen Sonntag feiert die Wernigeröderin ihren 90. Geburtstag.

Wernigerode l Es ist der 6. Dezember 1944. Rena Schilling kauert im Luftschutzkeller, zusammengepfercht mit hunderten Mädchen von der Fliegerwaffen-technischen Schule. Die ersten Bomber nähern sich nur wenige Minuten nach dem ersten Alarm und werfen ihre tödliche Last über Merseburg ab. "Es war furchtbar, es war wirklich die Hölle. Das kann sich keiner vorstellen, der das nicht erlebt hat", sagt Rena Schilling.

In diesen Momenten glaubt sie nicht, dass sie ihren 20. Geburtstag am 7. Dezember erleben wird. Und doch hat Rena Schilling Bomben, Flucht und Nachkriegswirren überstanden. Am morgigen Sonntag feiert sie in Wernigerode ihren 90.Geburtstag.

Manche Menschen erleben so viel, dass es für fünf Leben reichen würde. Rena Schilling ist einer von ihnen. Sie berichtet lebhaft von ihrer bewegten Vergangenheit, als wäre es erst gestern gewesen - vielleicht auch deshab, weil sie ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festgehalten hat.

Anhand der Unterlagen hat sie im Rahmen des landesweiten Projekts "Alte erzählen Geschichten" aus ihrem Leben berichtet. Aus Gesprächen mit Jugendlichen entstanden Beiträge für ein Buch, das bereits 2004 erschienen ist. Ein Text widmet sich Rena Schillings Erlebnissen.

Eingezogen zum Flakdienst

In ihren Aufzeichnungen berichtet sie davon, wie sie als junges Mädchen weg will aus Hötensleben, als Dienstmädchen nach Helmstedt geht und die Berufsschule absolviert. "Als der Krieg ausbrach, habe ich mich gefragt: Warum nur?" 1944 wird sie zum Dienst an der Flugabwehrkanone eingezogen und wird zur Schulung nach Merseburg geschickt. "Das Lernen ist mir immer leicht gefallen", sagt sie.

Es folgen Lehrgänge in Halle. Rena Schilling erlebt und überlebt Bombenangriffe. Sie wird zur Hilfslehrerin befördert. Bis Kriegsende bleibt sie in der Saalestadt, flieht dann mit einer Freundin. Eine Odyssee durch das zerstörte Land beginnt, die sie über Brandenburg bis nach Mecklenburg und wieder zurück nach Sachsen-Anhalt führt. Wenn Rena Schilling davon berichtet, klingt es wie ein großes Abenteuer.

Sie fährt auf Pferdefuhrwerken mit, kommt bei Bauern unter, wo sie und ihre Freundin im Stroh schlafen und Kühe melken, wohnt beim Bürgermeister, für dessen Familie sie näht und schafft es zurück nach Hause, wo ihre Eltern bereits um die vermeintlich verlorene Tochter trauern. "Manche sagen, es gibt keine Zufälle, aber ich weiß es besser. Der Zufall hat mir immer wieder geholfen - aber nur, weil ich nicht auf den Kopf gefallen war und meine Chancen genutzt habe. Und das als dumme Dorfpomeranze!", sagt sie mit einer guten Portion Selbstironie.

Den eigenen Weg erarbeitet

In ihrem Heimatdorf lernt sie ihren Mann kennen, der Polizist ist. Drei Kinder werden geboren, mehrfach zieht die Familie um - von Haldensleben nach Stendal und Oschersleben. Bis die Schillings schließlich in Wernigerode Fuß fassen - ihr Mann als Leiter der Kriminalpolizei, sie als Sekretärin im Elmo-Werk, später bei der Gewerkschaft. "Mein Mann und ich haben uns als Arbeiterkinder unseren Weg erarbeitet", sagt Rena Schilling.

Seit 50 Jahren lebt sie in Wernigerode, 40 Jahre davon in ihrer Wohnung in der Burgbreite. "Hier gehe ich nicht raus, es sei denn, sie tragen mich mit den Füßen voran." Die Seniorin besucht die Tagespflege im Seniorenzentrum Stadtfeld, engagiert sich bei der Volkssolidarität. "Mit meiner offenen Art bin ich immer angekommen", sagt sie und lacht - wie jemand, der das schon sein Leben lang gern tut.