Der Immobilienmarkt in Wernigerode ist wie leergefegt. Besonders Familien verzweifeln bei der Suche nach einer Bleibe. Die Volksstimme berichtet über die Wohnungssuche in Wernigerode in einer neuen Serie. Heute Teil5: Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) berichtet im Gespräch mit Redakteurin Julia Bruns, was er gegen die Wohnungsnot unternehmen kann.

Herr Gaffert, wie lange haben Sie nach Ihrer Wohnung gesucht in Wernigerode?

Peter Gaffert: Ich bin im April 2008 gewählt worden und habe im Juni meine Wohnung gekauft. Das musste damals ziemlich schnell gehen - und es war kein so großes Problem.

Warum ist es heute so schwierig, in Wernigerode eine passende Mietwohnung oder ein Eigenheim zu finden?

In den letzten Jahren hat sich die Stadt in allen Bereichen außerordentlich gut entwickelt - wir haben eine starke Wirtschaft und florierenden Tourismus, sind Hochschulstandort, haben die Banken in Wernigerode halten können. Offensichtlich ist unsere Stadt für hohe Lebens- und Wohnqualität bekannt. Deshalb erleben wir derzeit eine starke Nachfrage nach Wohnraum.

Was ist besonders begehrt?

Gefragt sind besonders Eigentumswohnungen in guter Lage und Einfamilienhäuser - die derzeit kaum zu kriegen sind. Für die Stadt ist es aber ganz wichtig, für Familien bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Wo hat die Stadt für Häuslebauer noch Reserven?

Wir wollen die Bebauung des Küchengartens und an der Heinrich-Heine-Straße im nächsten Jahr auf den Weg bringen. Beide Bebauungspläne müssen jedoch erst erarbeitet werden beziehungsweise sind noch in der Debatte. Ich sage das deshalb, denn sobald das in der Volksstimme steht, rufen die Leute im Bauamt an und fragen nach, ob sie dort Flächen erwerben können.

Könnte die Stadtverwaltung landwirtschaftliche Flächen kaufen, um Grundstücke vorzuhalten?

Die Bauern haben bereits viel Fläche durch den Bau der B6 und der Industriegebiete abgeben müssen. Wir können nicht unendlich viel Wohnraum in Wernigerode schaffen, denn die Einwohnerzahl geht - wenn auch sehr langsam - zurück. Es gibt hier und da immer wieder Lücken, die man nutzen kann. Das war zum Beispiel am Brockenweg der Fall. Die Stadtverwaltung hat das Wohngebiet am Schleifweg geschaffen, die WWG eines in der Ilsenburger Straße. Kleine Wohnsiedlungen privater Investoren sind am Horstberg, Unterm Lustgarten, auf dem Gelände der ehemaligen Kinderbettenfabrik, im Drängetal in Oberhasserode und im Mühlental auf der Fläche der ehemaligen Landesfinanzschule entstanden.

Warum sind nicht schon viel eher städtische Grundstücke vermarktet worden?

Als ich Oberbürgermeister wurde, hatte die Stadtverwaltung gerade einen Flächennutzungsplan ausgearbeitet. Vorgesehen war, in der südlichen Burgbreite und im Nesseltal Grundstücke für Wohngebiete zu schaffen. Dieses Vorhaben ist damals allerdings vom Landesverwaltungsamt versagt worden. Grund war die Bevölkerungsprognose für Wernigerode mit eher rückläufigen Einwohnerzahlen.

Und heute erleben Familien auf der Suche nach einer passenden Wohnung eine Preisspirale nach oben.

Die Preise richten sich nach Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage ist momentan sehr hoch. Wir können auf die Preisentwicklung durch unsere städtische Wohnungsgesellschaft, die GWW, einwirken und versuchen, mehr Wohnraum im Sozialwohnungsbereich vorzuhalten.

Ist ein Mietspiegel ein Thema für Wernigerode?

Wir sehen nicht, dass ein Mietspiegel, wie er in Großstädten gefordert ist, für Wernigerode zwingend notwendig ist. Es ist zudem ein großer Aufwand, einen Mietspiegel aufzustellen. Derzeit läuft die Debatte im Stadtrat, und ich werde das Thema noch genauer mit den Geschäftsführern der Wohnungsgenossenschaft und der Wohnungsgesellschaft erörtern.

Viele wollen in Wernigerode wohnen. Eine luxuriöse Situation, in der sich die Stadt befindet, oder?

Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Kinderbetreuung ist gut. Dass die Wohnungen aufgrund der hohen Attraktivität knapp sind, ist mir zehn Mal lieber, als über den Abriss von Gebäuden nachdenken zu müssen. Was man aber nicht vergessen darf: Die Menschen haben heute ein anderes Nutzungsverhalten als noch vor 25Jahren. War man früher noch mit 25 Quadratmetern pro Person zufrieden, ist man es heute mit 50 Quadratmetern. Wir haben einige Tausend Einwohner verloren - dementsprechend müsste jede Menge Wohnraum leer stehen. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall.

Wie groß ist der Leerstand bei den Mietwohnungen?

Momentan gibt es einen Leerstand von sechs Prozent. Wenn man bedenkt, dass aufgrund der sogenannten Fluktuationsreserve in der Regel konstant drei bis vier Prozent der Wohnungen leer stehen, gelten in Wernigerode lediglich ein bis zwei Prozent der Wohnungen als nicht vermietbar oder leerstehend, zum Beispiel aufgrund des hohen Sanierungsbedarfs. Das ist besonders in der Altstadt der Fall, wo wir mit zehn Prozent den größten Leerstand verzeichnen.

Was kann die Stadt gegen den Leerstand unternehmen?

Im nächsten Jahr wollen wir eine Ist-Analyse ausarbeiten, um zu erfassen, welcher Wohnraum in der Altstadt wie genutzt wird oder leer steht. Was die Sanierungen angeht, sind uns aber häufig die Hände gebunden. Die meisten Häuser sind in Privateigentum.

Warum wohnen Sie gerne in Wernigerode?

Es ist vieles, was mir in Wernigerode geboten wird. Die Lebensqualität ist hoch, man ist innerhalb weniger Minuten im Wald, kann dort sportlichen Aktivitäten nachgehen. Man kann gut essen gehen in Wernigerode und hat ein gutes kulturelles Angebot. Und es gibt viele freundliche Menschen.

Wie lange wollen Sie noch hier wohnen?

Auf jeden Fall noch die nächsten acht Jahre.