Wernigerode l "Ich habe einen Wunsch zu Weihnachten", sagt Ayse Borteck. "Ich wünsche mir, dass meine Mutter und mein Vater nach Deutschland einreisen dürfen." Die Eltern der 30-jährigen gebürtigen Türkin wohnen in Sanliurfa. Die Stadt liegt im Südosten der Türkei, direkt im Grenzgebiet zu Syrien. Von der gleichnamigen Provinz Sanliurfa aus wird regelmäßig über den Krieg zwischen den Kämpfern des Islamischen Staats (IS) gegen die Kurden in Kobane berichtet.

Es sind gerade einmal 40 Kilometer, die zwischen dem Haus von Mustafa und Islim Leventyüz und der Grenze zu Syrien liegen. "Meine Mutter ist 65 Jahre alt, mein Vater 75", sagt Ayse Borteck, die mit ihrer Familie in einem Reihenhaus in Wernigerode lebt. "Als mein Vater Ende Juli einen Herzinfarkt hatte, bin ich sofort in die Türkei geflogen."

Was Ayse Borteck dort sah, habe Spuren hinterlassen. "Die Stadt war voller Flüchtlinge, chaotische Zustände auf den Straßen, ständig hörte man die Flugzeuge nach Syrien fliegen. Es war beängstigend." Mittlerweile habe sich die Lage etwas beruhigt.

In Sanliurfa leben vor allem Kurden - so wie die Familie Leventyüz. "Seit Jahrzehnten wird die kurdische Bevölkerung in der Türkei verfolgt", sagt sie. Ihre Familie habe Hass und Unterdrückung erlebt. "Weil meine Eltern Kurden sind, wurden sie ausgespäht, mein Vater gefoltert. Sie haben unter dieser Situation gelitten und wollten nicht, dass ihre Kinder so aufwachsen." Ende der 1980er Jahre habe die Familie Zuflucht in Deutschland gesucht und illegal in der Bundesrepublik gelebt.

"Sie haben das alles für uns, für ihre Kinder, auf sich genommen." Ihr größter Wunsch - ein großes Familientreffen in Wernigerode. "Wir sind zehn Geschwister und leben alle in Deutschland. Meine Eltern haben 16 Enkel." Bei Flugticketpreisen um die 700 Euro pro Person sei eine Zusammenkunft in der Türkei finanziell nicht zu stemmen.

"Ich kann mich genau erinnern, wie ich zum ersten Mal das Schloss gesehen habe. In diesem Moment wusste ich: Das ist mein Zuhause."

Doch die deutsche Botschaft in Ankara hat den Visumsantrag abgelehnt. Der Grund: Mustafa und Islim Leventyüz wurden aus Deutschland abgeschoben. Die Behörden befürchten, das Paar könne erneut in Deutschland untertauchen. "Sie wollen nicht hier bleiben. Ich würde mit allem dafür bürgen, dass meine Eltern wieder zurück in die Türkei fliegen", sagt Tochter Ayse. Ihre Eltern sprechen kaum deutsch, haben Verwandte und Freunde in der Türkei und besitzen dort ein kleines Haus. "Alte Bäume verpflanzt man nicht", sagt sie.

Mit Peter Lehmann kämpft sie bei der deutschen Botschaft in Ankara für das Visum. Lehmann hat die Vollmacht der Familie Leyventyüz. "Sie werden einen zweiten Antrag auf ein Visum stellen", sagt der ehemalige Pfarrer. "Ich bin mit den Anwälten an der Sache dran." Das Antragsverfahren sei bei der deutschen Botschaft in Ankara eingeleitet worden. Der Wernigeröder begleitet das Schicksal der Familie bereits seit dem Jahr 2000.

Es war das Jahr, als die 16-jährige Ayse, ihre vier jüngeren Brüder und ihre 17 Jahre alte Schwester Mehtap in ein Wernigeröder Kinderheim kamen. Nachdem Vater Mustafa Leventyüz bereits 1997 abgeschoben wurde, spielte die Mutter drei Jahre lang ein Versteckspiel mit den Behörden. Irgendwann habe sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als ihre Kinder zu verlassen. "Sie hat uns verlassen, damit wir nicht mit ihr abgeschoben werden", ist Ayse überzeugt.

Der Nachwuchs der Familie wurde ein Fall für die Behörden. Unbegleitete Kinder unter 18 Jahren müssen in Obhut genommen werden. Von Hildesheim aus kamen Ayse und ihre Geschwister nach Wernigerode in das Kinderheim "Waldmühle". "Ich kann mich genau erinnern, wie wir mit dem Betreuer nach Wernigerode gefahren sind und ich zum ersten Mal das Schloss gesehen habe", sagt sie. "In diesem Moment wusste ich, dass das mein Zuhause ist." Heute arbeitet sie in einer Behinderteneinrichtung in Wernigerode. Ihr Mann ist katholisch, ihre Kinder besuchen einen evangelischen Kindergarten. Religion gebe ihr Halt und Kraft. "Ich glaube an Gott - egal, wie man ihn nennen mag", sagt sie.

Dass sie heute noch in Deutschland lebt, verdanke sie der Initiative der Wernigeröder. Das Bürgerbündnis für Weltoffenheit und Demokratie unter der Leitung von Peter Lehmann setzte sich dafür ein, dass die sechs Kinder Schulen besuchen und in Deutschland bleiben durften. Mit dem juristischen Ende des Kindseins, dem 18. Geburtstag, drohte jedem der Kinder die Abschiebung. Im Dezember 2003 erhielten die Jugendlichen schließlich das Aufenthaltsrecht.

"Meine Eltern haben ein Alter erreicht, in dem man noch einmal alle Kinder beisammen haben will. Die Sehnsucht ist groß", sagt Ayse Borteck. "In den vergangenen 14 Jahren haben uns die Wernigeröder in guten wie in schlechten Zeiten unterstützt. Meine Mutter und mein Vater wünschen sich, dass sie sich bei all den Menschen hier persönlich bedanken können."