Die Bergwacht Wernigerode wäre ohne ihn nicht das, was sie heute ist. Wolfgang Schökel hat die Rettungseinheit mit gegründet und geleitet. Am heutigen Mittwoch erhält er für sein jahrzehntelanges Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Wernigerode l An seinen ersten Einsatz auf dem Brocken erinnert sich Wolfgang Schökel noch ganz genau. Drei Mädchen hatten sich verirrt und waren schon halb erfroren. "Ich habe sie zum Gipfel zurückgebracht, wo sie sich aufwärmen konnten", erinnert sich der Wernigeröder. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, bei der Bergwacht ist Wolfgang Schökel geblieben. Für seine Verdienste um die Bergrettung erhält der 77-Jährige am heutigen Mittwoch in Magdeburg das Bundesverdienstkreuz.

Als die Bergwacht 1953 neu belebt wurde, war Wolfgang Schökel mit von der Partie. "Wir waren fünf, sechs Mann und haben mit nichts angefangen", erinnert er sich. Mit der Neugründung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der DDR bekamen die jungen Bergretter eine Heimat und ihre Arbeit einen offiziellen Charakter. Die Gruppe habe aber versucht, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, betont Wolfgang Schökel.

Freude an Kameradschaft

Am Ottofelsen stellten die Bergretter ihr erstes Häuschen auf, später bauten sie eine größere Station, organisierten die vorgeschriebene Ausbildung, gingen Skifahren und Klettern. Sehr enthusiastisch und "etwas verrückt" seien sie gewesen, sagt Schökel. "Wir sind eine Gruppe geworden, die richtig zusammenhält. Die Kameradschaft, die entstanden ist, hat richtig Freude bereitet."

Die Gruppe pochte zwar auf ihre Selbstständigkeit, musste sich aber auch arrangieren - zum Beispiel damit, dass der Bergrettungsdienst, abgekürzt BRD, irgendwann Bergunfalldienst, kurz BUD, heißen sollte. "Heute lacht man darüber, aber damals haben wir uns geärgert", sagt Schökel.

Bis 1961 konnte die Gruppe den Brocken besteigen. "Silvester 1961/62 durften wir noch oben feiern, danach war es vorbei", erinnert sich Schökel. Von Ilsenburg bis Blankenburg reichte der Einzugsbereich der Bergretter, das Sperrgebiet an der Grenze hingegen war tabu. Stattdessen mussten sie beim Bau und der Instandsetzung von industriellen Hochbauten helfen. Die Wernigeröder waren im Einsatz, wo große Höhen zu überwinden waren, sanierten Talsperren, Steinbrüche und das Volksstimme-Hochhaus in Magdeburg. "Wir waren Ehrenamtler und wurden nicht bezahlt, haben aber von den Betrieben Sachleistungen erhalten", berichtet Wolfgang Schökel. Das war nützlich, um die eigene Ausrüstung zu erhalten und zu ergänzen.

Hinzu kam die Betreuung von Kampfgruppen, die von den Bergrettern lernten, sich an Hochhauswänden abzuseilen oder mit Gasmaske zu klettern. "Wir sind in die politische Schiene hineingeraten", sagt der 77-Jährige rückblickend.

Wolfgang Schökel stieg derweil in der Hierarchie der Bergrettung auf. 1974 wurde er Leiter der Bergrettungsdienstgruppe Wernigerode, 1986 wurde er in die Zentrale Fachkommission des DDR-Bergunfalldienstes berufen, im Jahr darauf übernahm er die Leitung des Gremiums. Das war seinerzeit kein Problem, weil die Bergretter für ihre Tätigkeit von der Arbeit freigestellt wurden. Schökel lernte erst Bäcker, dann Konditor und ging schließlich als Metallbauer und Schweißmeister in die Gießerei. "Nach der Wende war das vorbei."

Dafür begann etwas Neues. 1990 war Wolfgang Schökel der erste, der Kontakt zu den Kollegen der Bergwacht im Westen des Harzes aufnahm. "Wir wollten wissen, wie es weitergeht, wie die neuen Strukturen der Bergrettung aussehen. Bei uns war ja alles anders gewesen." Die Partner in Langelsheim halfen auch bei der Umstellung auf moderne Technik. "Wir hatten ja noch nie ein Funkgerät in der Hand gehabt."

Den Brocken neu entdecken

Noch dazu hatte die Wernige-röder Bergwacht, die wieder so heißen sollte, ihren Hausberg zurück, doch nur die wenigsten kannten sich am Brocken aus. "Wir mussten uns in völlig neuem Gebiet zurechtfinden", sagt Schökel. Viel Unterstützung hätten die Ehrenamtlichen von Brockenwirt Hans Steinhoff, der Telekom und dem Nationalpark Harz bekommen.

Heute hat die Bergwacht vor allem mit der Betreuung von Gästen zu tun. "Nach der Wende hat sich ein regelrechter Massentourismus auf den Brocken entwickelt", sagt Wolfgang Schökel. Häufig müssen die Retter Radfahrern helfen, die teils schwer stürzen, sowie älteren Menschen mit Herz-Kreislauf-Schwäche, die ihre Fitness überschätzen oder das Höhenklima nicht vertragen. Die 40 Mitglieder der Bergwacht, darunter 25 Aktive, seien mit Engagement bei der Sache. "Wir brauchen aber Unterstützung", sagt er - bisher zahle das DRK Ausrüstung und Einsätze, die Bergungsgebühren, die die Krankenkassen zahlen, reichten nicht, um die Kosten zu decken. Das müsse geregelt werden. "Ich hoffe, dass ich das noch erlebe."

Was er nach der Feierstunde in Magdeburg erleben wird, steht fest. "Mittwochs ist unser Schulungsabend, da sitzen wir zusammen." Das sei wichtig, weil das Bundesverdienstkreuz nicht nur ihm allein gebühre. "Wenn man nicht so eine Gruppe hinter sich hat, geht gar nichts."