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Das Jesuskind wird am Heiligabend um 21 Uhr in die Krippe vor dem Rathaus gelegt. Bei der Feier mit Liedern und Texten wird die geschnitzte Figur erst von Hand zu Hand wandern, ehe sie bei Maria und Josef im Stall ankommt. Dazu lädt der ökumenische Arbeitskreis herzlich ein.

Wernigerode l Wenn Margrit Hottenrott in der Adventszeit unterwegs ist, wiegt ihre Tasche ein klein wenig mehr. Sie trägt eine kleine Statue aus Lindenholz mit sich.

"Kennt ihr die Krippe auf dem Weihnachtsmarkt", fragt sie bei ihrem Besuch in der Wernigeröder Liv-Ullmann-Förderschule. Die Schüler nicken. "Die Krippe hat eine Besonderheit. Es fehlt etwas." Max meldet sich. "Das Jesuskind", sagt der Junge. "Und weiß jemand, warum es fehlt?" Max Arm schnellt wieder nach oben. "Weil es erst an Weihnachten geboren wird. Erst dann wird es in die Krippe gelegt." Margrit Hottenrott öffnet ihre Tasche, greift hinein und holt das kleine Bündel heraus. "Ich habe euch mitgebracht, was Maria damals unter ihrem Herzen trug." Sie lüftet das rote Häkeldeckchen. Das hölzerne Kind kommt zum Vorschein - mit Stupsnäschen und angedeuteten Gesichtszügen.

Die Idee einer Weihnachtskrippe auf dem Markt war vor einigen Jahren im Ökumenischen Arbeitskreis der Kirchen entstanden. Spenden wurden für das Projekt gesammelt. Christoph Felchow baute den Stall und schnitzte einige Figuren. "Eines Abends rief er mich an und sagte, ich soll dringend vorbeikommen", erinnert sich Margrit Hottenrott. Er zeigte ihr die fertige Krippe. Dann legte er ihr das geschnitzte Christuskind in die Hände. "Dieses kleine Schnitzwerk war eine Kostbarkeit geworden. Für mich war es die schönste der Figuren. Man musste es einfach lieb haben." Aber wo sollte sie das Christkind bis Weihnachten aufbewahren? "Ich konnte es ja nicht in eine Schublade stecken." So wurde die Statue zu ihrem Begleiter in der Zeit vor Weihnachten. Margrit Hottenrott kam die Tradition des Marientragens in den Sinn. "Früher besuchten sich die Menschen in der Adventszeit, mit dabei hatten sie eine Marienfigur." Nicht für jeden sei Weihnachten fröhlich. Es gebe auch viel Dunkelheit und viele Menschen, die keinen Grund zur Freude haben.

Seither besucht sie vor allem Leute, die es schwer haben, die einsam sind - in ihrer Wohnung, im Altenheim oder im Krankenhaus. Die Reaktionen der Menschen auf das Christkind seien verschieden. "Manche weinen, andere beginnen, aus ihrem Leben zu erzählen. Für mich ist das immer sehr berührend." Und die Besuchten seien sehr dankbar."

Wie auch die Mädchen und Jungen der Liv-Ullmann-Schule. Zuerst beäugen die Schüler das Holzkind mit Abstand. "Ihr dürft es in die Hand nehmen", sagt Margrit Hottenrott. Fritz greift nach der kleine Puppe, schmiegt sie an sich. "Die nehme ich mit nach Hause", sagt der Junge - übers ganze Gesicht strahlend. Nur ungern gibt er sie weiter. Die Statue geht von Hand zu Hand. "Die Botschaft des Christkindes ist es, Freude zu verbreiten", sagt Margrit Hottenrott. "Es gibt nichts Schöneres, als das Lächeln eines Kindes. Man muss sich einfach mitfreuen." Max streichelt sanft mit den Fingern über das Gesicht des Holzkindes "Ich bete immer zu ihm", sagt er leise.

"Ihr dürft ihm auch etwas sagen", ermuntert die Besucherin die Kinder. "Vielleicht habt ihr einen Wunsch. Ihr müsst es auch nicht laut sagen." Max fasst sich ein Herz. "Ich wünsche mir, dass nicht mehr so viel Krieg ist, dass nicht so viele Menschen sterben müssen, dass es mehr Freude auf der Welt gibt." - "Das sind tolle Wünsche", sagt Margrit Hottenrott. "Du hast nur an andere gedacht."

Das Christkind ist bei Lehrerin Iris Walter angekommen. Sie blickt es stumm an. Dann räuspert sie sich. "Eigentlich wollte ich nichts sagen. Aber ich habe es mir anders überlegt. Von ganzem Herzen wünsche ich mir für euch, für meine Kollegen und meine Familie ein friedliches und ruhiges Weihnachtsfest." Die kleine Runde schweigt. Besinnliche Stille.

Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Margrit Hottenrott wickelt die Holzfigur wieder in die kleine rote Decke. "Das Christkind wandert jetzt weiter. Zu anderen Kindern", sagt sie zu den Schülern und lässt die Figur in ihrer Tasche verschwinden.

"Es ist mir ein Bedürfnis, anderen Menschen in dieser Zeit Freude zu schenken", sagt sie nach dem Besuch in der Schule. Das sei für sie das wahre Weihnachten. "Wissen Sie, Weihnachten fand damals nicht in einer Kirche oder in einem Konzert statt." Gottes Sohn sei in einem offenen Stall unter freiem Himmel in die Welt gekommen, zu allen Menschen. "Diesen Gedanken der Offenheit will ich weitertragen."