Weihnachten - das bedeutet viel essen, festlich dekorieren und Geschenke verteilen. Leisten kann sich das jedoch nicht jeder. In Wernigerode kümmern sich engagierte Bürger darum, dass Menschen, die auf der Straße oder am Existenzminimum leben, trotzdem ein Festtags-Menü erhalten.

Wernigerode l Getuschel mischt sich unter Weihnachtslieder. Der Duft von Champignoncremesuppe, Ente und Rotkohl zieht durch den Raum. Kerzen stehen auf den mit Tannengrün und Nüssen dekorierten Tischen, an denen 30 Personen sitzen. Sie plaudern, lachen, freuen sich auf ein gemeinsames Festessen. Verwandt sind sie nicht. Manche kennen nicht einmal den Namen ihres Gegenübers. Sie verbindet etwas anderes: Sie sind bedürftig.

Zwei Tage vor Heiligabend sind die Männer und Frauen der Einladung in die Ökumenische Wärmestube in Wernigerode gefolgt. Dort, im Haus Gadenstedt, wird für sie ein Drei-Gänge-Menü vorbereitet. "Es gibt nicht nur etwas zu essen, auch die Atmosphäre stimmt", sagt Hildegunde Fischer, seit 1999 Helferin der Wärmestube.

"Wir fühlen uns wohl und geborgen."

Gast der Wärmestube

Eröffnet wird die Feier mit einer Geschichte, die Hannelore Holz vorliest. Kaum ist der Applaus verklungen, meldet sich eine Besucherin zu Wort. Mit einem Gedicht bedankt sie sich beim Wärmestubenteam und dessen Sponsoren. "Wir fühlen uns wohl und geborgen", betont sie. Ein weiterer Gast wendet sich an die Ehrenamtler und übergibt ihnen einen Umschlag. "Es ist nicht viel, aber wir wollen danke sagen." Der Inhalt: Geld, das die Essengäste untereinander gesammelt haben.

Gerührt von der Geste, beginnen die Helfer, das Essen zu servieren. Zubereitet wird es traditionell vom Küchenteam des Wernigeröder Restaurants "Zur Tanne". "Wir tragen gern dazu bei", sagt Geschäftsführerin Renate Fehsecke. "Dieses Essen gehört für uns zu Weihnachten dazu." Gewinn erwirtschaftet das Restaurant mit dem Menü nicht. Im Laufe der Jahre wurde der Preis nie erhöht. "Die Differenz tragen wir", so Renate Fehsecke.

Die Idee für das Essen stammt von den Frauen des Lionsclubs Wernigerode. Vor 16Jahren sind sie auf die Helfer der Wärmestube zugegangen, um gemeinsam eine warme Mahlzeit für Bedürftige zu initiieren. "Wir haben uns die Aufgabe gestellt, uns um die von der Politik und der Gesellschaft Vergessenen zu kümmern", sagt Gisela Neumann. Mit verschiedenen Aktionen sammeln die Lions-Frauen Geld, das sie gemeinnützigen Einrichtungen wie der Wärmestube spenden.

Im Haus Gadenstedt erhalten Bedürftige montags und mittwochs ab 9 Uhr ein kostenloses Frühstück. "Das bieten wir in der kalten Jahreszeit an, von Erntedank bis Ostern", sagt Hildegunde Fischer.

Als die Wärmestube vor 19 Jahren ins Leben gerufen wurde, sei sie vor allem als Anlaufstelle für Obdachlose gedacht gewesen. "Heute kommen auch Alleinerziehende mit ihren Kindern, alleinstehende Seniorinnen mit schmaler Rente und junge Familien, die von Hartz IV leben," sagt Hildegunde Fischer. Die Zahl der Besucher ist lange Zeit recht stabil gewesen, zwischen 20 und 25 Personen je Mahlzeit. "Dieses Jahr sind es mehr."

Es sei ein relativ konstanter Kreis, der sich im Haus Gadenstedt trifft. Die Namen und Schicksale ihrer Gäste sind den Helfern kaum bekannt. "Untereinander tauschen sie sich aus. Aber wir zwingen niemanden zum Reden, sondern wollen nur eine Anlaufstelle bieten." Niemand muss einen Ausweis oder Ähnliches vorzeigen."

Angst, dass die Hilfsbereitschaft der Frauen ausgenutzt werden könnte, haben sie nicht. "Es kommt niemand zu uns, der nicht darauf angewiesen ist", so Hildegunde Fischer. "Viele kostet es vielmehr Überwindung, uns das erste Mal zu besuchen."

Eine Hürde, die einige - ob aus Scham oder gesundheitlichen Gründen - nicht überwinden können. "Es gibt noch viel mehr Menschen, denen es wirklich schlecht geht", sagt die 74-Jährige. Um ihnen zu helfen, hat sie in allen Kirchgemeinden der Stadt angerufen. "So haben wir von gut 20 Personen und Familien erfahren." Einmal im Monat wird ihnen nun mit Unterstützung der Harzer Tafel, die eng mit der Wärmestube zusammenarbeitet, eine Tüte mit haltbaren Lebensmitteln zur Verfügung gestellt und zum Teil nach Hause geliefert. "Die Leute bringen uns so viel Dankbarkeit entgegen. Das ist es, was unsere Arbeit so befriedigend macht", betont Hildegunde Fischer.

"Die Leute bringen uns Dankbarkeit entgegen."

Hildegunde Fischer

Für ihr Engagement sind die Ehrenamtler auf Unterstützung angewiesen. Sie finanzieren die Wärmestube ausschließlich aus Spenden. Nicht nur in Form von Geld seien diese willkommen. "Konditormeister René Silberbach und sein Team bringen uns jeden Montag und Mittwoch in der kalten Jahreszeit unentgeltlich Brot und Brötchen", berichtet die Helferin. "Unsere Frühstücksgäste wissen die Backwaren zu schätzen."

Ebenso die Helfer. Sind sie früher noch selbst zur Bäckerei gelaufen, sind sie heute - mittlerweile liegt ihr Durchschnittsalter bei 70 Jahren - für den Lieferservice dankbar.