Schierke l Gleich ist es geschafft. Der Feierabend naht. Sabine S. (Name geändert) muss schnell noch alles abschließen, die Tageseinnahmen zählen und in der Geldbombe verstauen. Und dann kann auch sie endlich Feierabend machen und den Rest des zweiten Weihnachtsfeiertags genießen. Der hatte sie wieder mal richtig gefordert. Das Wetter ist endlich winterlich kalt und lockt im Tagesverlauf zuhauf Besucher nach Schierke. Viele wollen noch rauf auf den Brocken und lösen bei Sabine S. ein Ticket für die Brockenbahn oder kaufen ein Souvenir der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) im Bahnhofsshop.

Jetzt, gegen 18 Uhr, hat die HSB-Angestellte ihr Tagespensum geschafft. Fast. Sie muss lediglich noch das Geld in den Nachttresor der Bank werfen. Sie verschließt gegen 18.15 Uhr den Shop im Bahnhof und steuert ihren Polo an. Wahrscheinlich wird die 48-Jährige da schon längst beobachtet. Von Insidern, die sich auskennen und die Abläufe ausbaldowert haben. Während S. die Bahnhofstraße in Richtung Ortszentrum hinabrollt, informiert ein Räuber wahrscheinlich telefonisch oder über Funk seine Komplizen, die unten vis a vis vom Friedhof warten. Als S. dort ankommt und Richtung Bank abbiegen will, passiert es: Ein dunkler Kombi rangiert rückwärts aus der Parkbucht und versperrt die Straße. Sabine S. stoppt, sieht noch einen Mann mit Basecap in ihre Richtung kommen. Vielleicht will er sich ja nach dem Weg erkundigen...

Nein, will er nicht. Der Mann reißt die Fahrertür auf, setzt die ahnungslose Frau am Steuer mit Pfefferspray oder Reizgas außer Gefecht, raubt ihr die Tageseinnahmen und ist Augenblicke später mit dem dunklen Kombi verschwunden. Entweder in Richtung Drei Annen Hohne oder runter nach Elend.

So oder so ähnlich könnte sich der Raubüberfall am Freitagabend in Schierke ereignet haben. Zurück bleibt eine 48-jährige HSB-Angestellte, die unter Schock steht und erst mal in der Klinik vom Augenarzt behandelt werden muss, um die schmerzhaften Folgen des Sprayangriffs zu lindern. Und die Tageseinnahmen - laut Polizei mehrere eintausend Euro - sind weg. Die sofortige Fahndung bleibt erfolglos.

Die Polizei, die über die betroffene Firma keinerlei Angaben macht, hofft dennoch, die Räuber zu überführen und setzt dabei auch auf Augenzeugen. "Es gibt sogar welche, die direkt hinter dem Polo des Opfers waren", sagte ein Polizeisprecher. "Die haben nur leider die Brisanz der Lage nicht erkannt und dachten, dass da jemand kurz ein paar Worte wechselt und etwas aus dem Auto entgegennimmt", so ein Beamter. Dass wenige Meter vor ihnen gerade ein Raub über die Bühne geht, erfassen die Touristen aus Berlin leider nicht.

Im beschaulichen Schierke sorgt der Überfall für Entsetzen. "Ich habe davon aus dem Radio gehört, das ist schlimm", so Ortsbürgermeisterin Christine Hopstock (CDU). Über das Opfer weiß auch sie nichts, aber: "Es hätte aber praktisch jeden von uns treffen können", sagte sie mit Blick auf die Gastronomen und Unternehmer im Ort.

HSB-Sprecherin Heide Baumgärtner wollte mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht viel sagen, bestätigte aber, dass eine Mitarbeiterin überfallen wurde. Ob die HSB aus dem Fall Konsequenzen zieht, sei offen. "Wir müssen das erst im Detail auswerten."

Laut Polizei ist der Haupttäter etwa 1,80 bis 1,90 Meter groß und schlank. Er trug eine blaue Jeans, eine dunkelbraune Jacke und ein Basecap.

Zeugenhinweise bitte unter Telefon (0 39 41) 67 41 93 an die Polizei