Monatelange Recherche liegt hinter den drei Gymnasiasten. Gemeinsam mit Historiker Uwe Lagatz haben sie das Buch "Heimat im Krieg" vorgestellt, das die Geschehnisse zwischen 1914 und 1918 in Wernigerode und Magdeburg beleuchtet.

Wernigerode l Lebensmittelknappheit, Menschen, die stehlen müssen, um nicht zu verhungern, junge Männer, die vorzeitig von der Schule gehen, um kurz darauf auf dem Schlachtfeld zu sterben. Wie es der Wernigeröder Bevölkerung während des ersten Weltkrieges erging, ist bisher überhaupt nicht erforscht worden.

Um Licht ins historische Dunkel zu bringen, ist vor zweieinhalb Jahren ein einzigartiges Projekt am Stadtfeld-Gymnasium gestartet worden. Mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung beschäftigen sich Wernigeröder und Magdeburger Gymnasiasten sowie Geschichtsstudenten der Otto-von-Guericke-Universität mit dem Thema. Die Ergebnisse sind eine Wanderausstellung und ein Buch, das die Zeit zwischen 1914 und 1918 in Wernigerode und Magdeburg beleuchtet. "Am Stadtfeld-Gymnasium haben wir mit 13 Schülern begonnen", sagt Dr. Uwe Lagatz. Der Wernigeröder Historiker hat die Schüler angeleitet. "Am Ende waren nur noch drei dabei." Die anderen seien nicht etwa abgesprungen, sondern hätten inzwischen ihr Abitur gemacht.

"Wir haben monatelang in der Harzbücherei und im Stadtarchiv recherchiert, haben alte Zeitungen gewälzt" erinnert sich der 15-jährige Jannis Michaelis. "Mit der Thematik hatten wir, was die Forschung betrifft, erst einmal ein großes Nichts vor uns. Das war auch unser Antrieb. Wir mussten alles selbst entdecken."

Anders als Magdeburg, wo die Rüstungsindustrie eine wichtige Rolle spielte, sei Wernigerode im Krieg eine Lazarettstadt gewesen. Bis zu 1000 Verwundete konnten gleichzeitig aufgenommen werden. Auf dem Acker neben dem Krankenhaus an der Ilsenburger Chaussee musste ein Feldlazarett gebaut werden. Um die vielen Verletzten behandeln zu können, wurden sogar Hotels zu provisorischen Lazaretten umfunktioniert.

Wie überall in Deutschland wurden in Wernigerode die Lebensmittel knapp. Die Schüler fanden bei ihren Forschungen heraus, dass vor allem Brot und Butter zur Neige gingen. In der Stadt kamen deshalb im Jahr 1915 Brotkarten und 1916 Butterkarten in Umlauf. Vor Geschäften, die Milchprodukte verkauften, soll es wiederholt Konflikte zwischen den Kunden gegeben haben. Wegen des großen Andranges zerrissen sich die Frauen, die vor dem Laden warteten, gegenseitig die Kleider. Um Handgemenge zu vermeiden, wurden sogar Beamte vor den Geschäften postiert. Weil im gesamten Land die Lebensmittelvorräte reduziert wurden, mussten auch in Wernigerode Kriegsküchen eingerichtet werden. Dort erhielten Hungrige für 20 Pfennig einen Liter Suppe aus der Gulaschkanone.

Für Erstaunen bei den Gymnasiasten sorgte ein Bericht im Wernigeröder Intelligenzblatt. Dort stand geschrieben, dass ein Schützengraben auf dem Armeleuteberg im Juni 1915 viele Spaziergänger angelockt habe. Sogar die Fürstenfamilie habe das Bauwerk besucht. Der Graben wurde von Verwundeten als Anschauungsobjekt und Attraktion errichtet. "Die Anlage, die in dem felsigen Boden viel zu schaffen gemacht hat, ist sauber und gründlich durchgeführt", heißt es. "Nichts ist vergessen worden, selbst ein Maschinengewehr hat man ausgestellt ... Man sieht einen Minenschacht mit dem Minenhund und weiter vorn sind die Hindernisse, die dem Feind die Annäherung an den Schützengraben möglichst erschweren sollen."

Berührt haben die Schüler die Schicksale einiger Gymnasiasten, die in den Kriegsdienst eingezogen wurden und den Tod fanden. "Diese Jungen waren kaum älter als wir", sagt der 17-jährige Christopher Annecke. "Wenn man das liest, überlegt man schon, wie es gewesen wäre, wenn man selbst in den Krieg gezogen wäre."

Das Buch "Heimat im Krieg" ist inzwischen im Schmidt-Buch-Verlag erschienen und im Handel erhältlich. "Für die Stadtgeschichte sind die Rechercheergebnisse ein großer Schritt nach vorn", schätzt Uwe Lagatz ein, der sich bei allen am Projekt Beteiligten bedankt. Darüber hinaus sei das Buch für die Schulen ein tolles Unterrichtsmaterial. "Ihr könnt wirklich stolz sein", so der Historiker an die Schüler gerichtet. "Das ist euer Werk. Eure Namen stehen drin."

Die Ausstellung zum Buch ist ab Mitte Februar im Harzmuseum zu sehen.