Am Holocaust-Gedenktag sind in Wernigerode die Opfer des Nationalsozialismus gewürdigt worden. Volksstimme-Redakteurin Katrin Schröder sprach mit Matthias Meißner, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Veckenstedter Weg, über die Erinnerung an die NS-Zeit.

Volksstimme: Herr Meißner, wie groß ist das Interesse an der Mahn- und Gedenkstätte?

Matthias Meißner: 2014 hatten wir 2600 Besucher. Das ist erneut eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Das liegt sicher daran, dass die Baracke III mit den sogenannten Schauräumen 2013 für mehrere Monate aufgrund baulicher Probleme für den Besucherverkehr gesperrt werden musste. Seit drei Jahren erneuern wir zudem unsere Dauerausstellung, ergänzen sie mit zusätzlichen Texten, durchgängig zweisprachig in Deutsch und Englisch.

Wer besucht die Einrichtung?

Wir haben festgestellt, dass neben den Gruppen immer mehr Einzelbesucher die Ausstellung sehen wollen. Wir bemühen uns um die Schulen und bieten Vorträge an - mit dem Verein Lebensspuren zum Thema "Lebensborn", aber auch zur Rassenlehre der Nationalsozialisten und zur Geschichte der Lager am Veckenstedter Weg. Wir gehen in die Schulen, laden aber auch Klassen ein.

Welchen Effekt hat der Besuch in den Baracken?

Wenn Jugendliche die Unterkünfte der russischen Kriegsgefangenen sehen, beeindruckt sie das meist sehr. Die Qualen, die die Lagerinsassen durchlitten haben, kann heute niemand nachvollziehen, aber wir können über das Erlebnis den Verstand ansprechen. Grundsätzlich wollen wir Authentizität zeigen. Als ich hier anfing, war das anders. Zu der Zeit habe ich eine Art Friedhofskultur erlebt. Doch im Lager gab es keine schön gepflanzten Bäume mit Sitzgruppen darunter. Damals herrschte Trostlosigkeit, das wollen wir zeigen. Wir haben Besucher, die Beklemmungen verspüren. Museumspädagogisch betrachtet sind wir damit auf dem richtigen Weg - denn Beklemmungen hatten die Gefangenen damals auch.

Interessieren sich die jungen Besucher für Geschichte?

Ein großer Teil der Schüler zeigt Interesse. Der Vorteil ist, dass wir einen Teil des Lehrstoffs lebendig vermitteln können. Wir wollen kein Geschichtsbuch nacherzählen, sondern den Leuten nahebringen, wie es hier gewesen ist. Früher hatten wir etwa Schwarz-Weiß-Kopien in der Ausstellung - doch das wirkt nicht. Nun bemühen wir uns um gute Farbkopien, um damalige Zeitschriften im Original und anderes. Das bringt denen, die damals nicht gelebt haben, die Zeit näher.

Viele wollen die Geschichte ruhen lassen. Was sagen Sie?

Viele sagen zurecht, der Nationalsozialismus war menschenverachtend. Doch wenn man genauer hinsieht, gibt es heute noch Zwangsarbeit und Verfolgung von Menschen wegen ihrer Rasse oder anderer Merkmale. Ebenso werden weiterhin Kriege geführt. Daher ist es wichtig, die Erinnerung an die Geschehnisse lebendig zu erhalten. Wir Deutschen haben aus der Geschichte eine besondere Verantwortung, dahin zu wirken, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Wie können Gedenkstätten das auch in Zukunft schaffen?

Wir sollten schauen, was im Alltag der Jugendlichen eine Rolle spielt und dort ansetzen. Pegida ist derzeit das beste Beispiel dafür, dass immer noch Tabus bestehen, über bestimmte Dinge und Entwicklungen offen zu reden. Das schürt Unzufriedenheit und lässt offene Fragen zurück, die andere für ihre Zwecke nutzen oder missbrauchen können. Wir suchen das offene Gespräch mit den Besuchern. Außerdem sind wir als Gedenkstätte dafür da, den Betroffenen und ihren Nachfahren Raum für Informationen über deren Leiden sowie ein würdevolles Erinnern und Gedenken zu bieten. In den vergangenen zwei Jahren hatten wir wieder vermehrt Kinder und Enkel von ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland und Russland zu Gast. Solange sich Betroffene, ihre Kinder und Kindeskinder erinnern, haben Gedenkorte wie unserer eine Daseinsberechtigung. Zugleich fühlen wir uns zuständig, Material aus der Zeit zu sammeln, aufzubewahren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

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