Schwerer Unfall am Sonnabend auf der A2 bei Magdeburg: Statt zu helfen, sind Nachfolgende vorbei gefahren - und fotografierten. Volksstimme-Volontärin Sandra Reulecke spricht mit dem Wernigeröder Sachgebietsleiter für Brand- und Katastrophenschutz, Matthias Treuthardt, über Erste Hilfe.

Volksstimme: Seit dem schweren Verkehrsunfall auf der A2 ist das Thema Erste Hilfe in aller Munde. Was raten Sie Menschen, die zu einer Unfallstelle hinzukommen?

Matthias Treuthardt: Hauptsache ist es, überhaupt zu helfen. Jeder ist in der Pflicht, zumindest den Notruf zu wählen und die Unfallstelle abzusichern, wie er es in der Fahrschule gelernt hat. Ganz wichtig ist, mit den Opfern zu reden, ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, und vielleicht ihre Hand zu halten.

Nicht jeder traut sich zu, medizinische Hilfe zu leisten, zum Beispiel die stabile Seitenlage anzuwenden. Wie kann man dem vorbeugen?

Ich würde empfehlen, den Erste-Hilfe-Kurs regelmäßig aufzufrischen. Das ist in vielen Betrieben über den Arbeitgeber möglich. Außerdem gibt es Angebote der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft für Autofahrer. Je öfter man übt, desto sicherer ist man.

Dennoch ist es ein Unterschied, theoretisch darüber zu sprechen oder an einem realen Unfallort zu sein. Wie können Ersthelfer das Erlebte verarbeiten?

Sie sollten darüber sprechen, was sie gesehen haben. Ich rate ihnen, sich professionelle Hilfe zu holen. Ansprechpartner gibt es zum Beispiel in Pfarrämtern. Auch Foren im Internet können hilfreich sein. Kontakte zu Seelsorgern vermitteln wir gern über die Leitstelle.

Wie gehen hauptberufliche Einsatzkräfte und freiwillige Feuerwehrleute an Unfälle heran?

Am Unfallort selbst geht es darum, zu funktionieren und den Einsatz abzuarbeiten. Wir spulen das ab, was wir in den Schulungen gelernt haben. Dort werden wir auf so etwas vorbereitet.

Nimmt man die Eindrücke mit nach Hause?

Vergessen kann man das nicht: wie es gerochen hat, aussah und was man gehört hat. Unglücke mit Kindern sind besonders hart. Darum werden wir nach Einsätzen von Seelsorgern betreut und reden viel mit den Kollegen darüber. Manche Einsätze sind immer wieder Gesprächsthema - noch nach vielen Jahren. Die meisten versuchen aber, das Geschehene nicht mit der Familie zu bereden, um die Angehörigen nicht zu belasten.

Gibt es Kameraden in der Wernigeröder Wehr - freiwillig wie ehrenamtlich, denen der Job zu viel geworden ist und die deshalb ihren Dienst quittiert haben?

Nein, dass wüsste ich nicht. Alle 150 Freiwilligen und die 16 Mitarbeiter in der Hauptberuflichen Wachbereitschaft werden durch Seelsorger betreut. Die Kameraden passen aufeinander auf. Und für diejenigen, die nicht so belastbar sind, werden andere Posten gesucht. Zum Beispiel in der Jugendwehr. Dann müssen sie nicht unmittelbar als Erste zum Einsatz ausrücken.

Haben Sie es schon erlebt, dass Schaulustige Ihre Einsätze behindert haben, und wie gehen Sie damit um?

Ja, die gibt es immer wieder. Für Gaffer und solche, die Fotos und Videos von Unfällen ins Internet stellen, fehlt mir jedes Verständnis. Sie sollten helfen oder zumindest nicht die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindern. Um die Leute von Unfallstellen und Bränden fernzuhalten, werden die Orte abgesperrt. Daran halten sich die meisten zum Glück. Zur Not werden wir von Polizisten unterstützt.

Bilder