Mit 65 in den Ruhestand: Für Hausarzt Günter Kramer ist das keine Selbstverständlichkeit. Zuerst möchte er seine Patienten und seine Praxis in Benzingerode in guten Händen wissen.

Wernigerode/Benzingerode l Selten waren die Ortschaftsratssitzungen in Benzingerode so gut besucht, wie in den vergangenen Monaten. Die meisten Gäste interessiert nur eines: "Was passiert mit der Arztpraxis in Benzingerode?" Gute Nachricht für sie: Es geht weiter. "Auf jeden Fall bleibe ich bis zur zweiten Jahreshälfte im Dienst", versichert Günter Kramer. Und: Seine Nachfolger-Suche zeigt erste Erfolge.

Der Allgemeinmediziner hat seit 1992 die einzige Praxis in Benzingerode. Außerdem macht er Hausbesuche in Minsleben, Silstedt, Redebber sowie Derenburg und betreut sieben Heime im Stadtgebiet. "Wir haben etwa 9300 Stammpatienten. Im Jahr sind das etwa 5000 Behandlungsfälle", informiert der Arzt. Ein straffes Pensum, lange Arbeitstage. Verständlich, dass sich Kramer nun im Alter von 65 Jahren zur Ruhe setzten möchte.

Diese Nachricht sorgte zum Ende des vergangenen Jahres für einen Aufschrei im Dorf. "Patienten haben besorgt angerufen oder sind in die Praxis gekommen", berichtet Günter Kramer. Er könne die Ängste verstehen, zumal er wisse, dass es nicht einfach sei, junge Mediziner für ein Leben als "Landarzt" zu begeistern.

Zwölf Hausarzt-Stellen im Altkreis unbesetzt

Diese These stützt eine Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt: Bis 2025 werden im gesamten Landkreis Harz 65 Hausarzt-Stellen unbesetzt sein. Eine hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass derzeit im Altkreis Wernigerode 49 Hausärzte praktizieren, im Stadtgebiet einschließlich Benzingerode sind es 25. "Zwölf Stellen sind zurzeit unbesetzt", informiert KV-Sprecherin Janine Krausnick.

Damit der Arztstation in Benzingerode nicht ebenfalls dieses Schicksal droht, haben die dort angestellten Schwestern eine Unterschriftenaktion gestartet. Sie wollen verdeutlichen, wie sehr die Praxis nötig ist. Mehr als 1000 Patienten haben unterschrieben.

Außerdem sucht Kramer per Inserat einen Nachfolger. Mit Erfolg: Mehrere Ärzte bekundeten Interesse. "Unterschrieben ist aber noch nichts", so Kramer. Ein Hindernis für einen endgültigen Vertragsabschluss sei die unzureichende Größe der Behandlungsräume in dem etwa 70 Quadratmeter großen Bungalow. Kramers Nachfolge-Favorit ist ein Internist. "Das wäre eine Bereicherung für Benzingerode und die ganze Stadt." Der Spezialist benötige zusätzlich mindestens zwei Diagnostikräume.

Das Grundstück gehört jedoch der Stadt. Vertreter der Verwaltung, des Ortschaftsrates und Günter Kramer haben bereits nach geeigneten Räumen im Dorf gesucht, berichtet Stadtsprecher Andreas Meling auf Volksstimme-Nachfrage. "Die beste Variante bleibt ein Anbau an die jetzigen Räume."

Arzthelferinnen sollen Arbeitsplatz behalten

Dafür sei ein Beschluss des Stadtrates notwendig. Abgestimmt wird über die Grundstücksangelegenheit während des nichtöffentlichen Sitzungsteils am Donnerstag, 19. Februar. "Die Gesundheitsvorsorge ist für die Verwaltung ein wichtiges Thema. Wir werden alles daran setzen, die ärztliche Versorgung in den Ortsteilen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten", so Meling.

Dies ist auch Kramers Wunsch: "Mir ist es wichtig, gerade die älteren Menschen, die nicht mehr mobil sind, gut betreut zu wissen." In den vergangenen 23 Jahren habe er zu den Patienten eine enges Verhältnis aufgebaut, kenne die Familien und Lebensgeschichten. Außerdem legt der Mediziner Wert darauf, dass seine drei Sprechstundenhilfen weiter beschäftigt werden.