In seiner Freizeit hat Vincent Voigt unzählige historische Bücher gelesen, um Fakten zum Thema "Zwangsarbeiter in Wernigerode im Ersten Weltkrieg" zu sammeln. Seine Rechercheergebnisse sind so interessant, dass er sogar die Jury eines Geschichtswettbewerbes überzeugt hat.

Wernigerode l Was man nicht alles tut, um sich die schriftliche Abiturprüfung im Fach Deutsch zu ersparen. Seit Februar 2014 forscht Vincent Voigt zum Thema "Kriegsgefangene in Wernigerode zur Zeit des Ersten Weltkrieges". Wöchentlich hat der 19-Jährige im Stadtarchiv, in der Harzbücherei und in der Zweigstelle des Landeshauptarchivs in Wernigerode gesessen, unzählige Bücher und Akten gewälzt - auf der Suche nach historischen Fakten. "Das Problem war, dass es zu den Geschehnissen des Ersten Weltkrieges in Wernigerode keine Publikationen gibt", sagt der Stadtfeld-Gymnasiast. "Ich musste mir Detail für Detail zusammensuchen."

Dabei förderte er Interessantes zu Tage. Wernigerode hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg zu einer boomenden Touristen- und Industriestadt entwickelt, verfügte zu dieser Zeit über 79 Industriebetriebe, darunter elf Mühlen und vier Brauereien. Bereits 1914 hatten sich 2475 Männer zum Kriegsdienst angemeldet. Später wurden in der Stadt sogar Not-abiturprüfungen eingeführt, da der Staat stetig Nachschub an jungen Soldaten brauchte. Das führte nicht nur in Wernigerode, sondern in allen am Krieg beteiligten Ländern, zu einem enormen Arbeitskräftemangel. Damit die Wirtschaft während der Kriegsjahre nicht komplett zusammenbrach, wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Das waren größtenteils Kriegsgefangene, aber auch angeworbene ausländische Arbeiter, beispielsweise aus Belgien.

In Deutschland seien insgesamt 2,5 Millionen Kriegsgefangene eingesetzt gewesen, hat Vincent Voigt herausgefunden. Die Zwangsarbeiter wurden vorwiegend in Industrie und Landwirtschaft gebraucht. Für die Beschäftigung gab es Grundsätze, die jeder Betrieb einzuhalten hatte. Diese seien 1915 in einem Erlass an den Magistrat von Wernigerode festgehalten worden. Darin wurde unter anderem geregelt, dass die Gefangenen bis zu sieben Kilometer entfernt vom Unterbringungsort eingesetzt werden durften. Der Konsum von Alkohol, Waffenbesitz, Kontakt zur Zivilbevölkerung und Entfernung aus der Unterkunft ohne Wachbegleitung waren ihnen strengstens verboten. Die Arbeitgeber waren verpflichtet, die Insassen zu verpflegen und täglich 40 Pfennig pro Arbeitskraft an die Heeresverwaltung zu entrichten. Die Verwaltung selbst hatte für Bekleidung der Gefangenen und die ärztliche Überwachung zu sorgen. Kriegsgefangene als Hausdiener anzustellen, war untersagt. "Als sich solch eine Begebenheit in Wernigerode im Hotel Lindenberg ereignete, zog dies am 1. Juni 1917 ein Schreiben nach sich, in welchem dies dem Arbeitgeber untersagt wurde", schreibt der Gymnasiast in seiner Arbeit.

"Die konkrete Anzahl der in Wernigerode beschäftigten Kriegsgefangenen war nicht zu finden."

Nicht alle offenen Fragen konnte Vincent Voigt klären. "Die konkrete Anzahl der in Wernigerode beschäftigten Kriegsgefangenen war in keiner meiner Materialien zu finden. Auch der exakte Ort der Gefangenenlager bleibt offen."

Dennoch sind seine Rechercheergebnisse bereits auf Resonanz gestoßen. So hat der 19-Jährige die Jury des Landeswettbewerbes "Heimat und Krieg" überzeugt, die seine 25-seitige Arbeit mit dem dritten Platz prämiert hat.

Die Verteidigung der sogenannten Lernleistung, die eine schriftliche Abiturprüfung ersetzt, steht Vincent Voigt noch bevor. Aber er geht gelassen an die Aufgabe heran. "Ich habe ein gutes Gefühl, fühle mich gut vorbereitet." In den letzten Monaten habe er viel über seine Heimatstadt gelernt. Was eine berufliche Zukunft als Historiker angeht, habe er allerdings kein Blut geleckt. "Ich bin eher naturwissenschaftlich interessiert, will nach dem Abitur Physik studieren", verrät er.

Übrigens: Wer Vincent Voigt bei seinen weiterführenden Recherchen zum Thema Kriegsgefangene in Wernigerode mit neuen Fakten unterstützen möchte, kann sich bei ihm per E-Mail unter terminator9595@gmx.de melden.