Es gibt einen Neuen in Benzingerode. Für die Hausarztpraxis im Ort hat sich nach langem Warten und Bangen ein Nachfolger gefunden: Christian Müller nimmt am 1. April seinen Dienst auf.

Wernigerode/Benzingerode l Eine zweite Arztmeinung wünschen sich viele Patienten. Diese Möglichkeit bekommen einige im Stadtgebiet Wernigerode und den umliegenden Orten in den kommenden Wochen frei Haus. Denn der Allgemeinmediziner Günter Kramer absolviert Hausbesuche und Termine in Heimen ab sofort in Begleitung von Dr. Christian Müller - seinem Nachfolger.

Ab dem 1. April übernimmt der Arzt die Praxis in Benzingerode. Und mit ihr etwa 9300 Stammpatienten, rund 5000 Behandlungsfälle im Jahr. Wie sein Vorgänger Günter Kramer wird Müller außerdem Patienten in ihrem Zuhause in Wernigerode, Benzingerode, Silstedt, Redebber sowie Derenburg und in sieben Alten- und Pflegeheimen im Stadtgebiet betreuen.

Den beiden Medizinern steht im März ein straffer Zeitplan bevor. "Ich möchte Dr. Müller allen Patienten vorstellen, die nicht selbst die Praxis aufsuchen können", erläutert Kramer. Außerdem wird der Neue vom langjährigen Schwesternteam Kramers unterstützt. "Alle drei Arzthelferin werden bleiben", bestätigt Müller. Eine Mitarbeiterin soll zudem eine Zusatzqualifikation zur Versorgungsassistentin erhalten und somit ein breiteres Aufgabenspektrum wahrnehmen können.

Harz wird zur Wahlheimat des Krefelder Mediziners

Und auf wen müssen sich die Patienten einstellen? Christian Müller stammt aus Krefeld in Nordrhein-Westfalen und ging mit der Schlagersängerin Andrea Berg zur Schule. Anders als sie zog es Müller nicht auf die Bühne. Stattdessen engagierte er sich seit 1981 ehrenamtlich bei den Maltesern. Sein Abitur holte er parallel zur Arbeit als Rettungsassistent nach. "Das Abendgymnasium war der schönste Teil meiner Schulzeit", erinnert sich Müller. Anschließend studierte er Medizin in Düsseldorf.

In den Harz hat es den zweifachen Vater aus privaten Gründen gezogen. "Der Liebe wegen", verrät der Internist, der sich als "begeisterter Wahl-Harzer" bezeichnet. Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Ilsenburg. "Zwar habe ich Familie und Freunde in Krefeld, aber mich kriegt niemand zurück", versichert er. Zu sehr hat Müller die Harzer schätzen gelernt. "Obwohl ich ein `Wessi` bin, wurde ich offen aufgenommen. Die Menschen sind ehrlich und freundlich."

Seit eineinhalb Jahren arbeitet er in Wernigerode, mittlerweile als leitender Notarzt für den Landkreis Harz. "Das werde ich auch bleiben, Notfall-Medizin ist mein Steckenpferd", sagt Christian Müller. Dennoch freue er sich auf seine eigene Praxis in Benzingerode, die "räumlich wie medizinisch Entwicklungspotenzial" habe.

Damit setzt sich der Mediziner dem Trend des Landärzte-Mangels entgegen. Laut Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt werden bis 2025 allein im Harz 65 Hausarzt-Stellen unbesetzt sein. Für Müller bietet der Job viele Vorteile: "Ich schätze es, eine enge Bindung zu den Patienten zu pflegen, ihren Hintergrund und die Familien zu kennen." Für ihn sei es nie infrage gekommen, sich in einer Stadt niederzulassen.

Ein Glücksfall für Benzingerode, betont Günter Kramer. Denn sein Nachfolger könne mit eigenen Erfahrungen in Geriatrie und Intensivmedizin den Patienten ein breites Spektrum bieten.

Kramer selbst, der seit 1992 in Benzingerode praktiziert, könne unbeschwerter in den Ruhestand gehen. Als seine Pensionspläne bekannt wurden, sorgten sie für Aufruhr im Dorf. Patienten riefen besorgt an, um zu erfahren, wie es weitergeht.

Praxisgröße ist Hindernis bei Nachfolger-Suche

Lange war dies unsicher, die Nachfolger-Suche gestaltete sich bisweilen schwierig. Ein Grund dafür sind die räumlichen Gegebenheiten der Praxis gewesen, ein nur etwa 70 Quadratmeter großer Bungalow, der der Stadt gehört. Künftig sind Modernisierungen und eventuell ein Anbau notwendig. Wie dies jedoch finanziert werden soll, steht noch im Raum. Am Dienstag wurde im Ortschaftsrat Benzingerode besprochen, Förderprogramme für die Arbeiten in Anspruch nehmen zu wollen.

"Es hätte mir schlaflose Nächte bereitet, wenn ich besonders die Älteren und Schwerkranken nicht gut versorgt gewusst hätte", sagt Kramer beruhigt. Der 65-Jährige freut sich darauf, endlich ohne Weckerklingeln aufzuwachen. Langweilig wird ihm nicht, versichert er. "Ich habe ein Haus und einen Garten, da gibt es immer etwas zu tun." Auch wolle er sich mehr dem Joggen, Radfahren und Reisen widmen. Und: Seine Frau darf sich noch öfter auf seine Kochkünste freuen, verrät Kramer.