Kirche und SPD, Lesehelfer und Bergwacht: Siegfried Siegel engagiert sich ehrenamtlich in vielen Organisationen. Dafür wird ihm am Montag der Bürgerpreis der Hospitälerstiftung verliehen.

Wernigerode l Reichlich Glückwünsche hat es in den vergangenen Wochen gegeben, oft wurde er angesprochen und musste viele Hände schütteln. "Alle haben sich mit mir gefreut", sagt Siegfried Siegel, für den damit gleich zwei Dinge geklärt sind. Ehrenamtliches Engagement, auch wenn es oft im Stillen geschieht, wird bemerkt und honoriert. Und, wie der 63-Jährige mit einem Augenzwinkern anmerkt: "Ich hoffe, dass ich jetzt als alter Wernigeröder durchgehe." Schließlich ist "erst" 1974 aus dem thüringischen Schlot-heim in den Harz gezogen, "der Liebe wegen".

Den jungen Siegfried Siegel zeichnete aus, was ihn sein ganzes Leben begleitet: "Ich hatte damals schon meinen eigenen Kopf." Deshalb konnte er kein Apotheker werden, sondern lernte Chemielaborant in Sondershausen. Deswegen musste er vor Gericht sein Abschlusszeugnis einklagen, weil er ohne FDJ-Hemd zur Abschlussfeier kam.

Doch er brachte nicht nur seinen eigenen Kopf und kritischen Geist mit, als er 1974 im Wernigeröder Galvano-Werk anfing. Auch seine Liebe zur ehrenamtlichen Arbeit in der evangelischen Kirche nahm er von Thüringen mit, wo er sich schon früh in der Jungen Gemeinde engagiert hatte. Die Kirchenarbeit ging weiter, in Wernigerode vor allem befördert durch Pfarrer Gottfried Werther.

Kirchliches Engagement bedeutete zu jener Zeit für Menschen mit einem eigenen Kopf auch immer das Eintreten für Ziele, die von der Obrigkeit nicht gern gesehen waren. Siegfried Siegel war aktiv in kirchlichen Friedens- und Umweltgruppen. Aus dieser Zeit sind ihm viele Freunde geblieben, neben Werther etwa noch Peter Lehmann und der spätere Oberbürgermeister Ludwig Hoffmann.

1988 kam der Arbeitskreis "Menschenrechts-Verwirklichung". Das war eine große Gruppe mit gut 40 Mitgliedern und einer Besonderheit: "Wir waren nur zwei, die nicht ausreisen wollten." Siegel wollte bleiben, aber nicht, weil ihm die DDR so gut gefiel. "Bei DDR-Nostalgie wird mir schlecht", sagt er heute noch und denkt an die Angst, das "dumpfe, muffige Gefühl", das er mit der damaligen Zeit verbindet.

"Einen vernünftigen Übergang organisiert"

"Wir wollten die DDR verändern", sagt er über seine Ziele zur Wendezeit. Es kam anders, doch Siegfried Siegel nahm seinen eigenen Kopf mit in die neue Zeit. Der Kirche blieb er treu, aber nun konnte er offen politisch aktiv werden. Am runden Tisch, "im Jahr der gelenkten Anarchie", wo ein "vernünftiger Übergang" organisiert wurde und in seiner neuen politischen Heimat, der SPD. In die war er eingetreten, als sie noch SDP hieß, also Mitte Oktober 1989. Eine andere Partei kam gar nicht in Frage, daran war die Kirche schuld. In den 1980er-Jahren lernte er auf einem alternativen Kirchentag in Berlin Erhard Eppler kennen. Aber auch Menschen wie Reinhard Höppner, Friedrich Schorlemmer und Markus Meckel waren kirchlich aktive Sozialdemokraten. Also auch Siegel: "Etwas anderes stand nie zur Debatte."

Und so ging es in die Zeit nach 1990. Im Galvano-Werk war Siegel Betriebsrat und Betriebsratsvorsitzender, in der Kirche Kreis- und Landessynodaler und Vorsitzender des Gemeindekirchenrats, in der SPD Stadtrat seit den ersten Kommunalwahlen nach der Wende, Ortsvereinsvorsitzender und, wenn auch erfolgloser, Kandidat bei Bundes- und Landtagswahl. Und in der Politik galt und gilt für Siegfried Siegel ebenfalls: immer engagiert sein, sich einsetzen, aber auch unbeirrt für seine Auffassung eintreten. "Ich bin für gute Argumente und eine gute Streitkultur", sagt der Mann, der nicht nur mit dem langjährigen Oberbürgermeister Ludwig Hoffmann oft "völlig verquer" war. Aber bei allem politischen Streit, persönlich dürfe es nie werden, sagt Siegel. Bei Hoffmann ist ihm das gelungen, sein langjähriger Weggefährte hält am Montag die Laudatio.

"Ein angenehm beruhigendes gefühl"

Selbst nach 25 Jahren hat Siegel von der Kommunalpolitik nicht genug, trotz aller Mühen. "Mich freut die Möglichkeit, Dinge in der Stadt zu ändern." Das sei in den vergangenen Jahren durchaus gelungen. Die Stadt, die schon lange seine Heimat ist, hat sich gut entwickelt. Daran einen Anteil zu haben, "das ist ein sehr angenehm beruhigendes Gefühl". Auch deshalb will er nicht einzelne Ereignisse herausgreifen und als Erfolg bezeichnen. "Das muss man als Paket betrachten." Die gesamte Kommunalpolitik der Stadt sei eine Erfolgsgeschichte.

Aber nicht nur Politik und Kirche gibt es für Siegfried Siegel. Getreu dem Motto Gottfried Werthers "Alles hat seine Zeit" gibt es noch sein Engagement im Verein Mentor, wo er leseschwachen Kindern hilft, in der Bergwacht, wo er weiter seine Dienste versieht, das Wandern, das Briefmarken und Mineralien sammeln, die Musik, das Radfahren - all die Dinge, die man als vielseitig engagierter und interessierter Mensch eben macht, "so lange die Kraft reicht". Denn auch das gehört zur ehrenamtlichen Arbeit, zum vielfältigen Engagement in allen Bereichen dazu: "Nichts, was wir Menschen tun, ist von Dauer. Man sollte dann gehen, wenn die Menschen das noch bedauern."