Wernigerode l Sie gehören zum Dorf wie Kirchen: Gaststätten mit großen Sälen. Früher sozialer Mittelpunkt, Treffpunkt für Spiele und Gespräche. Heutzutage teilen sie das Schicksal von Bäcker und Konsum - sie stehen oft leer. In den Fenstern hängen Schilder: "Nachfolger gesucht". Die Gaststätte "Zum Lindenhof" in Benzingerode bildet keine Ausnahme. Seit einem Jahr ist sie dicht.

Sie haben nicht geschlossen, weil Gäste oder Umsätze fehlten, betonen die ehemaligen Betreiber. "Wir wollen nur unser Rentnerleben genießen", sagt Hannelore Mooshake. Und das tun sie: Der Wecker bleibt aus, es wird ausgeschlafen. Die 65-Jährige hat Schwimmen als Hobby entdeckt, Ausflüge stehen auf dem Plan.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Es fehlt ein Nachfolger für den "Lindenhof". An Interessenten mangelt es eigentlich nicht. "Mindestens 20 Leute waren hier", berichtet Erich Mooshake. Verkauft wurde das etwa 2000 Quadratmeter große Gelände - inklusive Hof, Privatwohnung und Pension mit vier Doppel- und zwei Einzelzimmern - trotzdem nicht.

Einige wollten nur einen Teil des Geländes, andere seien "Traumtänzer" gewesen, so Mooshake. "So eine Gaststätte zu führen, ist kein Acht-Stunden-Job, es ist das Leben", erläutert Hannelore Mooshake. Viele der Bewerber würden dies unterschätzen. Wie einen weiteren Aspekt: "Ein Dorf hat seine Eigenheiten. Darauf muss man sich einstellen", ergänzt ihr Mann.

Familienleben leidet unter der vielen Arbeit

30 Jahre und vier Monate lang hat das Ehepaar den "Lindenhof" geführt. Hannelore Mooshake hat dafür ihren Bankjob aufgegeben und Kochen gelernt. Erich Mooshake wurde die Gastronomie in die Wiege gelegt. Seit 1907 gehört der Gasthof seiner Familie, der gelernte Kellner führte ihn in vierter Generation. Umso schwerer fällt es ihm, sein Erbe geschlossen zu sehen. "Ich träume davon", berichtet er.

Aus der Familie möchte niemand die Nachfolge übernehmen. "Unser Sohn hat es von Geburt an erlebt: Wir hatten kaum Feiertage oder Wochenenden, auch Geburtstage konnten selten gefeiert werden", sagt Hannelore Mooshake. Sie könne seine Entscheidung sehr gut verstehen.

Was für den Sohn ein Ärgernis war, könnte potenziellen Nachfolgern einen Anreiz bieten: "Wir waren immer gut ausgebucht", sagt Erich Mooshake. Für Einnahmen sorgten neben dem Tagesgeschäft Catering und Veranstaltungen im Saal. 150 Personen fanden darin Platz. Genutzt wurde er für Familienfeiern und von Vereinen, zum Beispiel für Karnevalssitzungen. "Man muss mit der Zeit gehen und sich was suchen, womit man Umsatz machen kann", sagt Mooshake. Sich nur auf Tagesgäste zu verlassen, reiche nicht mehr aus.

Die Benzingeröder mussten sich im vergangenen Jahr Alternativen für ihre Feste suchen. Für einige kam dies überraschend. "Niemand hat geglaubt, dass wir wirklich schließen. Es hieß immer `Ihr macht doch eh weiter`", erinnert sich Hannelore Mooshake.

Dabei machten die Eheleuten keinen Hehl daraus, einen Nachfolger zu suchen. Seit 2013 wurde das Grundstück im Internet angeboten. Nun soll ein Makler beim Verkauf helfen.

Aus Sicht der ehemaligen Gastwirte könnte der angestrebte Preis - rund 200 000 Euro - ein Hindernis darstellen. "Jungen Leuten fehlen die finanziellen Mittel, ältere könnten es bezahlen, wollen sich die Arbeit aber nicht mehr aufhalsen", mutmaßt Mooshake. Unter Wert möchte er das Grundstück aber nicht verkaufen: Im Laufe der Jahre haben die Eheleute in Sanierungsarbeiten investiert.

In Benzingerode hoffen die Einwohner nun, dass ihrem "Lindenhof" nicht das gleiche Schicksal droht wie der Gaststätte in Minsleben. Zwar gibt es im Dorf eine Kneipe, doch der Gasthof samt Festsaal ist seit den 1990er-Jahren geschlossen, berichtet Bürgermeister Knut Festerling (SPD).

In Reddeber hingegen ist der Gasthof "Reddeburg" ein beliebter Anlaufpunkt. Noch. Für seine Gäste hat Besitzer Henry Schmidt schlechte Nachrichten: "Mit 65 mache ich den Laden zu, egal ob ihn jemand übernimmt oder nicht", kündigt er an. Sein genaues Alter verrät der Wirt nicht - "um die 60", sagt er. Aus seiner Familie wolle niemand die Geschäfte weiterführen. "Wer mit Gastronomie aufwächst macht alles, außer Gastronomie", sagt Schmidt.

Wirte sehen Vereine als Konkurrenz an

Nachwuchsängste kennen ebenso die Wirte aus Silstedt. Petra und Mirko Schulze betreiben die Gaststätte "Zur Linde" seit 1990. "Zehn, fünfzehn Jahre noch. Länger schafft man das körperlich gar nicht", sagt Mirko Schulze achselzuckend. Wie es dann weitergehen soll, sei unklar. Auch hier das gleiche Bild: Die Töchter wollen nicht, ernsthafte Interessenten gibt es bislang nicht.

Schuld dafür, dass die sich die Nachfolgersuche so schwierig gestaltet, sieht Schulze auch in der Politik. "Mit Unterstützung der Stadt kann man nicht rechnen", klagt der 54-Jährige.

Weiteres Problem aus seiner Sicht: Alternativen zu den Sälen der Gaststätten. "Vereine und Feuerwehren bieten an, in ihren Räumen zu feiern. Ihre Preise kann ein Gastronom nicht unterbieten und das macht es schwer, die großen Säle unterhalten zu können."