Am heutigen Sonnabend jährt sich das Kriegsende in Wernigerode zum 70. Mal. Die Harzer Volksstimme hat das zum Anlass genommen und die Zeitzeugin Ilse Querner besucht. Die 92-jährige Wernigeröderin schilderte ihre Erinnerungen an jenen Tag.

Wernigerode l Das Gerücht verbereitete sich in Wernigerode wie ein Lauffeuer: Auf dem Güterbahnhof steht ein Waggon mit Lebensmitteln. Viele Hungernde eilten dorthin, in der Hoffnung auf ein wenig Brot oder Gemüse - auch Ilse Querner. Dieser Tag vor genau 70 Jahren ist der Wernigeröderin im Gedächtnis geblieben. Es war der Tag, an dem die Amerikaner einmarschierten. Der Tag, an dem der Krieg für die Harzstadt und ihre Bewohner endete.

"Ich war damals 22 Jahre alt", sagt Ilse Querner. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich geplündert habe. Ich wagte es nicht, in den Waggon hineinzugehen. Die Leute waren wie die Verrückten." Dennoch gelang es ihr, Trockengemüse und ein paar Büchsen Fisch zu ergattern. Plötzlich hieß es, die Amerikaner stehen vor der Stadt. Am Güterbahnhof brach Panik aus. "Wir hatten Angst, dass sie auf uns schießen."

Ilse Querner rannte nach Hause - zu dem stattlichen Gebäude in der Albert-Bartels-Straße. "Meine Mutter stand vor der Tür. Sie wartete schon auf mich. `Gut, dass du kommst`, sagte sie." Mutter und Tochter versteckten sich im Keller, hörten Schüsse in der Nähe. Die Amerikaner hatten das Haus erreicht. "Ein Soldat befahl uns, aus dem Keller herauszukommen. Wir mussten ihn durch unsere Wohnung führen. `Du Kinder?` fragte er. Wir nickten. Dann ging er wieder."

Ilse Querner erinnert sich noch ganz genau, wie erleichtert sie und ihre Mutter danach waren. "Der Krieg ist für uns vorbei, keine Sorgen und keine Ängste mehr." Doch den beiden Frauen stand noch eine aufregende Nacht bevor. "Wir wollten in Ruhe Abendbrot essen, da klingelt es. Ein amerikanischer Offizier stand vor der Tür. `Ihr müsst raus aus dem Haus`, sagte er. Glücklicherweise kamen wir bei Nachbarn unter. Wir hatten nichts mitgenommen, das Abendessen stand noch auf dem Tisch." Später fiel Ilse Querner ein, dass sie ihren Hund drüben vergessen hatte. "Ich ging zurück, um ihn zu holen. Da standen schon die Panzer bei uns vor der Tür." In dieser Nacht habe sie kein Auge zugetan. "Wir hatten solche Angst."

"Über uns flogen die Bomber, und wir hasteten durch die Westernstraße."

Ilse Querner

Am nächsten Morgen waren die Panzer verschwunden. "Wir haben uns zurück in unsere Wohnung geschlichen. Die Amerikaner waren weg. Aber sie hatten unsere frischbezogenen Betten und unser Abendessen genossen. Endlich konnten wir aufatmen."

Ilse Querner ist sich bewusst, wie viel Glück sie hatte. Ein paar Straßen weiter sei geschossen worden. Eine ihrer Freundinnen sei bei einem Schusswechsel in der Burgstraße ums Leben gekommen.

"Schrecklich", sagt die Rentnerin kopfschüttelnd. In den vergangenen Wochen habe sie viel über die Kriegsjahre und ihre Erfahrungen nachgedacht. "Den meisten Leuten in meinem Alter fällt es schwer, sich zu erinnern. Aber mir sind so viele Einzelheiten wieder eingefallen." Wie die Bombenalarme in Wernigerode. Während die meisten Leute in den Luftschutzkellern Zuflucht suchten, seien sie und ihre Mutter jedes Mal zum Westerntor geeilt.

"Das war sehr unheimlich. Über uns flogen die Bomber, und wir hasteten durch die Westernstraße. Meine Mutter war Krankenschwester und leitende Schwester im Luftschutz. Egal, um welche Zeit die Sirenen heulten - wir mussten in die Rettungsstelle in der Friedrichstraße, um Verletzte zu versorgen."

Kurz vor Kriegsende hätten sich zwei junge deutsche Soldaten auf ihrem Dachboden versteckt. "Sie sahen furchtbar aus, waren wahrscheinlich geflohen. Sie baten uns um Zivilkleidung. Ich weiß noch, dass sie in den Harz geflüchtet sind. Ob sie es geschafft haben, kann ich nicht sagen."

Auch die Tage nach dem 11. April sind ihr im Gedächtnis geblieben. "Die Amis hatten eine Ausgangssperre verhängt. Die Straßen waren wie leer gefegt. Aber ich hatte einen Passierschein. Ich musste ja zur Arbeit ins Gesundheitsamt." Sie sei die jüngste in dem Amt gewesen. "Ich habe meine Kollegin mit einem `Guten Morgen` begrüßt. Daraufhin herrschte sie mich an: `Das heißt immer noch: Heil Hitler.` Ich konnte es nicht fassen. Es gab einige Leute, die es nicht wahr haben wollten, dass der Krieg vorbei war, dass die Deutschen verloren hatten."

Viele Menschen hatten Verluste zu beklagen. "Überall hörte man: der Mann gefallen, der Sohn nicht wieder gekommen. Das war schon bitter." Auch ihren damaligen Freund verlor Ilse Querner. Er ahnte wohl, dass er nicht überleben würde. In seinem letzten Brief an sie habe er geschrieben: "Du siehst mich nie wieder." "Das ist eine schlimme Erinnerung, wenn der Freund, der gesund weggegangen ist, nicht wiederkommt."

Ilse Querner blieb in Wernigerode, arbeitete jahrzehntelang im Gesundheitsamt als Referatsleiterin für Mutter und Kind. Noch heute lebt sie in dem Haus in der Albert-Bartels-Straße. "Die jungen Leute heutzutage können sich nicht vorstellen, wie es damals war. Sie haben den Krieg nie kennengelernt, sind glücklicherweise im Frieden aufgewachsen." Dennoch findet die 92-Jährige es wichtig, dass sich die Jugendlichen mit den Geschehnissen der Weltkriege auseinandersetzen.

Und Zeitzeugen wie Ilse Querner können dazu beitragen.

   

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