Wernigerode/Berlin l In der Wohnung von Michael Knuth im Wernigeröder Harzblick ist die Zeit zumindest baulich stehengeblieben. Der 53-Jährige bewohnt mit seiner Freundin eine 90 Quadratmeter große Wohnung in einem Plattenbau aus den letzten Jahren der DDR. Außen ist das Gebäude mit Dämmplatten und einem pastellfarbenen Anstrich versehen. In der Wohnung jedoch hat sich kaum etwas verändert: Keine einzige Fliese findet sich im Bad und in der Küche, Türrahmen haben keine Zargen, auf dem Boden liegt der Original-Fußbodenbelag aus den späten 1980er Jahren.

Anders als die meisten Gebäude im Harzblick gehört der u-förmige Block zwischen Unterm Wulfhorn, Heidebreite und An den sieben Teichen einem privaten Eigentümer. Betreut werden die Wohnungen von der Berliner Hausverwaltung "Stadtpalais". Diese hat Michael Knuth und seinen Nachbarn nun teils hohe Mieterhöhungen angekündigt. Knuths Miete soll von derzeit 3,75 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter auf 4,30 steigen. Die Gesamtmiete würde dabei um etwa 50 Euro im Monat steigen.

Renate Schmidt-Nüsser ist Rechtsanwältin in Wernigerode und vertritt einige der betroffenen Bewohner. Im Fall von Michael Knuth zweifelt Schmidt-Nüsser an der Zulässigkeit. Üblicherweise könne man Erhöhungen mit Verweis auf die ortsübliche Vergleichsmiete begründen. Da diese aber durch einen Mietspiegel ermittelt wird und der in Wernigerode nicht existiert, müsste der Vermieter auf eine Alternative zurückgreifen. Das wären laut Gesetz die drei Vergleichswohnungen, sagt die Anwältin gegenüber der Volksstimme.

Diese Vergleichswohnungen nennt der Vermieter in seinem Mieterhöhungsgesuch auch. Dabei verweist er auf drei Wohnungen im selben Block, die für eine Kaltmiete von 4,90 Euro pro Quadratmeter vermietet werden. Doch diese haben laut Beschreibung in Immobilienportalen eine modernere Ausstattung als die Wohnung von Michael Knuth. Dort werden ein "neuer Fußboden in Holzoptik" versprochen, "supermodern" geflieste Bäder, abgehängte Decken mit eingelassenen LED-Spots, neue Türen, Hänge-WC und ein Handtuchwärmer im Bad.

Betroffene Mieter könnten Wohnungen aus benachbarten Blöcken zum Vergleich heranziehen, so Schmidt-Nüsser. So verfügen die Objekte der Wernigeröder Wohnungsbaugenossenschaft (WWG) über einen höheren Standard als die Wohnung von Michael Knuth. Die gegenüber dem Stadtpalais-Block gelegenen Wohnungen werden für Preise von 4,20 Euro pro Quadratmeter vermietet, teilt WWG-Vorstand Christian Linde mit. Wer einen Balkon haben möchte, zahlt zehn Cent mehr. Die Wohnungen seien modernisiert und renoviert, so Linde. Zudem werden in den WWG-Häusern nach und nach die Keller modernisiert.

Vermieter möchte alle Mieter halten - fast alle

Renate Schmidt-Nüsser vermutet nun, dass es sich bei den privaten Blöcken im Harzblick um Spekulationsobjekte handelt. Das weist Ralph Hänig, Gesellschafter der Hausverwaltung Stadtpalais, zurück. Beim Eigentümer handele es sich um einen älteren Herren, der die Wohnungen in Wernigerode als langfristige Kapitalanlage gekauft habe. Zudem habe die Hausverwaltung nur zurückhaltende Mieterhöhungsgesuche verschickt, zwischen fünf und 15 Euro mehr im Monat. "Bei vielen älteren Mietern wollen wir nur 7,50 Euro haben", sagt Hänig. Lediglich Michael Knuth habe die "volle Erhöhung" von 50 Euro erhalten, sagt Hänig. Knuth sei der einzige Mieter, der ganze Akten mit Beschwerden und Widersprüchen fülle. Die Anfrage der Hausverwaltung, den Zustand seiner Wohnung zu begutachten, habe Knuth vor einigen Tagen zurückgewiesen. Aus "strategischen Gründen" wolle er der Mitarbeiterin keinen Zutritt gewähren, entgegnet Knuth. Ralph Hänig zeigt sich überzeugt, dass die Mieterhöhungen juristisch gedeckt sind. Viele Bewohner hätten noch einen DDR-Mietvertrag, und bei einigen sei es die erste Erhöhung seit vielen Jahren. Die Mieterhöhung für Knuth wolle die Hausverwaltung notfalls vor Gericht durchsetzen.

"Wir kommen mit fast allen Mietern gut aus", sagt Ralph Hänig. Von 380 Wohnungen würden 30 leer stehen, der Verwaltung sei bewusst, dass der Wohnungsmarkt in Wernigerode relativ entspannt sei und dass man Mieter halten müsse. Michael Knuth empfiehlt Hänig allerdings einen Umzug.

In Berlin scheint die Hausverwaltung noch nicht negativ in Erscheinung getreten zu sein. Wie eine Volksstimme-Anfrage ergab, ist "Stadtpalais" bei der Berliner Mietergemeinschaft, einem Mieterverein, unbekannt.

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