Benzingerode l Reiseziele in ferne Länder, spannende Geschichten aus der Welt der Fantasy, Tipps für Hobbygärtner und Bastler, Märchen der Gebrüder Grimm - an Lesestoff mangelt es nicht in der Bibliothek in Benzingerode. Woran es fehlt, sind die Leser. "Seit vergangenem Juli hat sich niemand mehr eingetragen", sagt Gert Schlegel (Freie Wählergemeinschaft) und deutet auf die leere Liste, in der die kostenlosen Leihgaben notiert werden sollen.

Ändert sich nichts bis zum 31. Mai, wird die Bücherei geschlossen, kündigt der Ortschef an. Die Bücher sollen dann an die Stadtbibliothek verschenkt oder auf einem Flohmarkt zugunsten eines guten Zweckes verkauft werden. Glücklich ist er mit der Auflösung nicht, so der 64-Jährige.

"Es ist schade um jede Bibliothek, die geschlossen werden muss."
Doch Hoffnung habe er kaum.

Seit Juli ist Schlegel Bürgermeister in Benzingerode. In dieser Zeit habe er die kleine Bücherei, die gleichzeitig als Sitzungssaal dient, nur zu Versammlungen des Ortschaftsrates gefüllt gesehen. Romane und Co. bleiben unbeachtet. Fast 1500 sind es, schätzt Schlegel. "Es sind schöne Sachen dabei." Zum Beispiel schwärmt er von den Abenteuer-Erzählungen Karl Mays in festen, bunt bedruckten Einbänden.

"Es ist schade um jede Bibliothek, die geschlossen werden muss."

Gert Schlegel, Bürgermeister

Warum kommen trotz der Auswahl keine Leser? "Man hat selbst so viele Bücher zu Hause, die man vielleicht noch gar nicht alle gelesen hat", so Gert Schlegel. Außerdem sei die Bibliothek nicht auf dem neuesten Stand: Neuererscheinungen werden nicht gekauft, E-Books gibt es nicht. Die elektronischen Bücher, die jederzeit und überall im Internet verfügbar sind, sieht der Ortschef ohnehin als große Konkurrenz für klassische Lektüre an.

Größtes Problem laut Schlegel: Es gibt keinen Betreuer für die Bibliothek, die nur drei Stunden die Woche geöffnet ist. Lediglich mittwochs von 14 bis 17 Uhr gibt es die Möglichkeit zur Ausleihe. Dann ist Petra Nawrath im Bürgerbüro im selben Gebäude tätig. Sollten Nachfrager für Bücher kommen, würde die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung ihnen den Raum aufschließen. "Das war bislang jedoch nicht der Fall", berichtet Petra Nawrath.

Ein Umstand, den ausgedehnte Öffnungszeiten ändern könnten. "Aber längere Zeiten bedeuten mehr Personal und das bedeutet mehr Geld, das es nicht gibt", sagt Schlegel achselzuckend. Jemand, der sich ehrenamtlich um die Bücher kümmern möchte, hat sich bislang nicht gemeldet.

"Leider", sagt Siegfried K. Müller. "Ein fester Ansprechpartner würde die Sache vielleicht wieder in Gang bringen." Bis zum vergangenen Sommer war Müller Bürgermeister. Eine Bibliothek vorzuhalten, gehörte zu seinen Herzensangelegenheiten. Schon vor rund 20 Jahren hat er Bücher gesammelt und zum Ausleihen bereitgehalten, damals im Verwaltungsgebäude nahe der Kirche. Als die Verwaltung in die Räume der ehemaligen Schule umzog, sollten die Werke entsorgt werden. "Aber ich kann Bücher nur schweren Herzens wegwerfen", berichtet Müller.

Das hatten wohl einige Einwohner mit ihm gemein - immer wieder fand er während seiner Amtszeit Kisten voller gespendeter Bücher vor dem Büro. Die kleine Bücherei wurde daraufhin eingerichtet. Zwei Ehrenamtler haben sich zu der Zeit um die Ausleihe und den Bestand gekümmert, anschließend für wenige Monate ein Praktikant. "Anfangs kamen die Leute geströmt und wollten Bücher, sogar welche aus Wernigerode", erinnert sich der ehemalige Ortschef. "Keine Ahnung, woran es liegt, dass jetzt niemand mehr kommt."

Eine Tauschbörse ist Müllers Meinung nach eine Möglichkeit, wieder Interesse an der Büchersammlung zu wecken: Vor der Urlaubszeit können Bürger Bücher, die sie bereits gelesen haben, abgeben. Im Tausch können sie sich kostenlos neue Lektüre mitnehmen.

"Anfangs kamen die Leute geströmt und wollten Bücher."

Siegfried K. Müller

Amtsnachfolger Gert Schlegel kann sich auch eine Zusammenarbeit mit der Kindertagesstätte im Ort vorstellen. Bei der Leiterin der Einrichtung stößt der Vorschlag auf Interesse. "Wir sind nicht abgeneigt", sagt Jeannine Hartmann auf Volksstimme-Nachfrage. Bereits früher habe es Kooperationen und gegenseitige Besuche gegeben. "Aber das ist schwieriger geworden, seit niemand mehr verantwortlich ist. Die Öffnungszeiten sind für uns ungünstig", so Jeannine Hartmann. "Man müsste gemeinsam schauen, ob sich ein Termin finden lässt."

Nicht nur, wenn wie heute der "Welttag des Buches" gefeiert wird, ist es ihr und ihren Mitarbeiterinnen wichtig, die Kleinen an Bücher heranzuführen. Regelmäßig kommt eine "Geschichtenerzählerin" zur Lesestunde. Außerdem füllen viele Bücher die Regale in der Tagesstätte.