Nicht nur zu Walpurgis sind Hexen in aller Munde in Wernigerode und im Harz. Im Landschulheim Grovesmühle haben sich Schüler dem Thema nun aus wissenschaftlicher Sichtweise gewidmet. Ihre Fragestellung: Sind die Opfer von Hexenprozessen unschuldig?

Wernigerode/Veckenstedt l Hexen gibt es nicht. Aus heutiger Sicht eine Tatsache. Vor einigen Jahrhunderten sah das ganz anders aus: Menschen wurden wegen Hexerei angeklagt, verurteilt und im schlimmsten Fall mit dem Tode bestraft - auch in und um Wernigerode.

Immer mehr Städte in Deutschland distanzieren sich seit Jahren von der Verurteilung angeblicher Hexen. Seit 2008 fordern die "Düsselhexen" aus Düsseldorf das Gleiche von Wernigerode. Mehrfach ist das Thema seitdem im Kulturausschuss besprochen worden (Volksstimme berichtete). Doch ein Ergebnis gibt es nicht. Bislang. Denn am Montag,22. Juni, steht die Rehabilitation der Opfer wieder auf der Agenda des Kulturausschusses.

Anstoß dafür haben dieses Mal neun Zwölftklässler des Landschulheims Grovesmühle gegeben - mit ihrem Beitragfür den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Anders sein. Außenseiter in der Geschichte".

Für die Arbeit mit dem Titel "Die größte Sünde ist das Vergessen" haben sich die Schüler mit den 59 aktenkundigen Hexenprozessen auseinandergesetzt, die zwischen 1521 und 1708 in Wernigerode stattfanden. "Wir sind zum Recherchieren in die Harzbücherei gegangen und haben festgestellt, dass es zu dem Thema zwar viel über die Situation in Europa und Deutschland gibt, aber nur wenig zu Wernigerode direkt", berichtet Florian Matthies.

Davon haben sich der 19-Jährige und seine Mitstreiter jedoch nicht entmutigen lassen. Sie wühlten sich durch Archive und führten Interviews mit dem Sprecher der "Düsselhexen", Andreas Vogt, mit Vertretern der Stadt Wernigerode und Historikern. Von einem von ihnen, Dr. Jörg Brückner, haben sie einen gut Tipp bekommen: In den alten Rechnungsbüchern nachzuschauen. Dort wurden die Schüler fündig. "Kostenauflistungen für Feuerholz zum Beispiel sind Indizien der Hexenprozesse", berichtet Gregor Fritzsche.

Weitere interessante Entdeckungen kamen zutage. So hat es in Wernigerode trotz der Nähe zum Brocken verhältnismäßig wenige Prozesse gegeben, die Inquisition ging an der Gegend sogar spurlos vorüber. "Als es in anderen Regionen richtig losging, war die Hexenverfolgung in Wernigerode schon vorbei", informiert Gregor Fritzsche. Auch seien die Prozesse für die damalige Zeit erstaunlich "gerecht" gewesen.

Bei der Ausarbeitung haben sie festgestellt, warum den heutigen Vertretern der Stadt eine Entscheidung zu den Hexenprozessen der Stadt so schwer fällt. "Die meisten Hexen wurden wegen mehrerer Verbrechen angeklagt wie Diebstahl, Vergewaltigung und Mord", berichtet Philip Plättner. "Man kann also auch aus heutiger Sicht nicht sagen, dass sie unschuldig sind."

Andererseits seien 15 Menschen nachweislich zu Unrecht verurteilt worden. Diese heutzutage nachträglich rechtlich zu rehabilitieren, sei unsinnig, da die Opfer schon lange verstorben sind. Die Schüler schlagen stattdessen eine Gedenktafel vor. Die Formulierung der Inschrift ist nicht einfach. Philip Plättner: "Es wäre falsch, alle Verurteilten freizusprechen. Fakt ist aber, dass sie keine Hexen gewesen sind."

Das Projekt sowie weitere Eisendungen von Grovesmühle-Schülern für den Geschichtswettbewerb werden am Mittwoch, dem 29. April, ab 18.30 Uhr im Landschulheim Grovesmühle in Veckenstedt präsentiert.

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