Blankenburg l Der heute 82-jährige Lothar Tomaszewski erinnert sich noch gut an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, die er als Schuljunge im Ortsteil Oesig erlebte. "Im Frühjahr 1945 hatte die Deutsche Wehrmacht noch einmal eine Kommandostelle im Haus meiner Eltern in der Straße Am Sportplatz 3 bezogen. Unsere Familie musste sich ein Notquartier im Keller einrichten", erzählt der Blankenburger, den viele von seinem Engagement für die einstigen Mühlen in und um Blankenburg sowie für verschiedene Bergbauhistorien kennen. Nun ist er einer der ältesten einheimischen Zeitzeugen aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

"Als Kinder fanden wir das damals alles spannend, denn ich war gerade einmal zwölf Jahre alt", berichtet der ehemalige "Oesianer". Dann, als am 19. April die Amerikaner als Befreier in das Haus einzogen, sei ihm doch recht mulmig geworden. Nicht weil er Angst vor ihnen hatte, sondern weil ein flüchtender deutscher Offizier seinen Wehrmachtsmantel im Haus hinterlassen hatte und just die Amis dieses Uniformstück seinem Vater beziehungsweise seinem Bruder zuordneten. "Beide wurden daher verhaftet, konnten aber nachweisen, dass sie Bergleute in Braunesumpf und keine Soldaten waren", so Tomaszewski.

Zuvor hatten die letzten Versprengten der Wehrmacht noch auf einer Anhöhe vor der heutigen Teufelsbadklinik drei Feldhaubitzen aufgestellt, mit denen sie die aus Richtung Wernigerode anrückenden Amerikaner aufhalten wollten. "Diese Geschütze kamen zum Glück nicht mehr zum Einsatz, sonst wäre die Oesig wegen der Gegenwehr aus dieser Richtung bestimmt völlig zerstört worden", so Tomaszewski.

Danach flüchteten die Wehrmachtssoldaten, die meisten kamen in Gefangenschaft. Lediglich eine Funktionärin der Nazis namens Sondermann, die ebenfalls ihre Dienststelle im Hause Tomaszewski hatte, stellte sich den anrückenden Panzern entgegen. Sie wurde jedoch kurzerhand auf eines der Kettenfahrzeuge gesetzt und mit in das Sammellager in der Oesig-Schule genommen. Damit war der Krieg vor der Oesig glücklicherweise zu Ende.

Weit weniger glücklich verlief ein Ereignis, an das sich Lothar Tomaszewski noch heute mit Entsetzen erinnert. Am 22. April 1945 machte sich der Zwölfjährige mit zwei Kannen auf den Weg zum Wasserholen in Richtung Gasthof "Waldfrieden". Die Familie Treutler hatte den Nachbarn dort eine Wasser- entnahmestelle eingerichtet, weil die Trinkwasserversorgung in der Oesig nicht mehr funktionierte. Der kürzeste Weg führte den Jungen durch den Wald zwischen seinem Elternhaus und den Bastteichen. Dort begegnete er gegen 11 Uhr seinem zwei Jahre älteren Schulkameraden Walter Helmhold.

In den Wäldern an der Bast hatte die Wehrmacht bei ihrem Rückzug jede Menge Waffen und Munition hinterlassen. Die fanden nicht nur potenzielle Wilderer, sondern auch spielende Kinder und Jugendliche. So auch Walter Helmhold, der plötzlich mit einer Eierhandgranate vor seinem Schulfreund stand und ihm die Wirkung dieser Waffe demonstrieren wollte. Offensichtlich hatte er sie bereits entsichert.

Lothar Tomaszewski war von seinem Vater strengstens vor dem Umgang mit solchen gefährlichen Dingen gewarnt worden und er ergriff schnell die Flucht. An einen lauten Knall kann er sich noch erinnern, glaubte jedoch, sein Freund habe die Granate weit genug von sich weggeworfen.

Erst am nächsten Tag wurde der getötete Schuljunge aus der Oesig gefunden und später mit 21 weiteren Opfern, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen, auf dem Friedhof in Michaelstein begraben. Ein Gedenkstein mit den Sterbedaten der 22 Kriegsopfer erinnert noch an die Ereignisse vor 70 Jahren.

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