Die Jugendfeuerwehr Wernigerode feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Damit ist sie die älteste ihrer Art in ganz Deutschland - auch wenn diesen Titel bisher eine andere Wehr im Norden für sich beansprucht hat.

Wernigerode l Der Brief lässt keine Fragen offen. "Es gilt als hinreichend nachgewiesen, dass in Wernigerode bereits im Jahr 1865 eine Jugendfeuerwehr bestand", heißt es in dem Schreiben, das der Landesfeuerwehrverband Sachsen-Anhalt geschickt hat. Es ist ein Satz mit Bedeutung für die Wernigeröder. "Wir sind damit die älteste Jugendfeuerwehr Deutschlands", erklärt Marian Stillke. Der Wernigeröder Jugendwart steckt mitten in den Vorbereitungen für den 150.Jahrestag, der am 27. Juni groß auf dem Ochsenteichgelände gefeiert werden soll.

Erst seit Februar vergangenen Jahres ist es offiziell, dass die Wernigeröder Jugendwehr als die älteste im ganzen Land gelten darf. "Es war zwar schon immer bekannt, aber es hat sich lange niemand darum gekümmert", sagt Jugendwart Stillke. Doch im Zuge der Vorbereitungen für den 150. Geburtstag der Freiwilligen Feuerwehr Wernigerode hatten die Kameraden mithilfe eines geförderten Projekts eine Chronik erstellen lassen, welche die Geschichte des Brandschutzes in der bunten Stadt am Harz Revue passieren lässt (Volksstimme berichtete).

Dabei ist einiges an Material auch zur Gründung der Jugendfeuerwehr zusammengetragen worden. Deren Ursprung lag in der Feuerwehr des städtischen Gymnasiums. Am 12. Januar 1865 wandte sich der Magistrat der Stadt Wernigerode an die Schule mit der Bitte, "die älteren Schüler zu einem organisierten Corps zu vereinen". Eine Woche später meldete Rektor Bachmann, dass sich 50 Gymnasiasten der oberen Klassen zum Dienst bereiterklärt hatten.

Damit ist die Vermutung widerlegt, dass die Wernigeröder Gymnasialwehr unter Zwang entstanden sein könnte - dann wäre sie keine echte Jugendfeuerwehr, heißt es in einem Artikel des Informationsdienstes "Helfer in der Jugendfeuerwehr" zur Geschichte. Doch der Brandschutz war nicht Bestandteil des Lehrplans und der Magistrat bat um Unterstützung, statt sie anzuordnen. "Außerdem sprechen schwankende Mitgliederzahlen dafür", dass die Jugendlichen sich mal mehr, mal weniger zahlreich für den Dienst gemeldet haben", so Stillke.

Allerdings gibt es noch eine andere Jugendfeuerwehr, die bisher beanspruchte, die älteste in Deutschland, wenn nicht gar in Europa zu sein. Diese ist im Jahr 1882 in dem Dorf Oevenum auf der Nordseeinsel Föhr gegründet worden. Das geschah aus der Not heraus, erklärt Jörg Micheln auf Volksstimme-Nachfrage. Er ist Chef des Ordnungsamtes des Amtes Föhr-Amrum und war lange Leiter der Oevenumer Feuerwehr, in die er 1965 als Kind eingetreten ist. "Die Männer waren damals auf See zum Fischen. Deshalb mussten Frauen und Kinder sich selbst helfen", sagt der 54-Jährige. Traditionell konnten die Jungen des Ortes - Mädchen waren lange nicht zum Dienst zugelassen - bereits mit sechs Jahren Mitglied der Jugendfeuerwehr werden.

"Es war schon immer bekannt, aber es hat sich lange niemand darum gekümmert."

Marian Stillke, Jugendfeuerwehrwart

Bei dem frühen Eintrittsalter ist es geblieben, die Oevenumer Jugendwehr besteht weiterhin und hat 15 Mitglieder, wie Wehrleiter Timo Paulsen berichtet. Für den Ort, der heute knapp 600Einwohner zählt, ist die vermeintlich älteste Jugendfeuerwehr ein Pfund, mit dem touristisch gewuchert wird. Im Feuerwehrgerätehaus widmet sich eine kleine Ausstellung, die auch von Urlaubsgästen besucht wird, der Geschichte der Jugendfeuerwehr. Bei Insel-Rundfahrten wird auf die Brandschutztradition des Ortes hingewiesen. "Man versucht immer, für Gäste interessant zu bleiben", sagt Ortsbürgermeister Gisela Riemann.

Von der Nachricht, dass Wernigerodes Jugendwehr älter ist als die eigene, sind Micheln, Paulsen und Gisela Riemann überrascht. Zwar habe man über den örtlichen Kreisfeuerwehrverband Nachforschungen angestellt, doch dabei sei man nicht auf ältere Jugendwehren gestoßen, sagt Wehrleiter Paulsen. Und Jörg Micheln erinnert an die große 100-Jahr-Feier 1982. "Damals hat eine Mauer unsere Repu-bliken getrennt." Deshalb habe man zu der Zeit möglicherweise nicht davon erfahren, dass kurz hinter der deutsch-deutschen Grenze eine Jugendwehr existiert, die vor der von Oevenum gegründet wurde.

Bisher haben die Wernigeröder noch nicht den Kontakt zu den Brandschützern im Norden gesucht. "Wir wollen uns nicht streiten", sagt Marian Stillke. Andererseits könne aber die Stadt mit der ältesten Jugendwehr Deutschlands werben - was zu Konflikten führen könnte. Eine Einladung zur Jubiläumsfeier haben die Kameraden nicht auf die Insel Föhr geschickt. "Das erschien uns dann doch ein wenig frech."

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