Die Silstedter Schützengesellschaft blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Anlässlich des 250. Vereinsgeburtstages erscheint im Juli eine Chronik. Wir haben vorab mit Chronistin Inge Schrader in dem Druckwerk geblättert.

Silstedt l Traditionen werden bei den Silstedter Schützen groß geschrieben. Wird ein neues Mitglied in die Reihen des Vereins aufgenommen, reicht ihm der älteste Schützenbruder den "Willkomen" - einen Zinnhumpen mit Bier. Mit dem Trinkspruch "Prost Schüttenbrauder" ist die Mitgliedschaft besiegelt.

Auf diesem alten Pokal ist die Jahreszahl 1765 eingraviert - der älteste Beleg für die Existenz der Silstedter Schützgesellschaft. "Es ist gut möglich, dass der Verein deutlich älter ist", sagt Inge Schrader. Die Rentnerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Historie der Silstedter Schützen. Unzählige Akten habe sie im Landeshauptarchiv in Wernigerode gewälzt - ohne einen konkreten Beweis dafür zu finden. "Dennoch: Nachweislich wurde schon vor 1765 Biersteuer gezahlt. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn der Verein schon länger existiert."

Nichtsdestotrotz jährt sich die Gravur des "Willkomen"-Pokals zum 250. Mal. Dieses Jubiläum feiern die Silstedter vom 3. bis 6. Juli mit einem großen Fest. Pünktlich zu den Feierlichkeiten soll die Schützenchronik in Form eines gut 100 Seiten starken Heftes erscheinen. "Es wird gerade gedruckt", sagt Ilse Schrader, die erleichtert ist, dass die arbeitsreichen Monate des Recherchierens und Schreibens nun ein erfolgreiches Ende finden.

Die gebürtige Silstedterin habe sich schon immer für das Schützenwesen im Ort interessiert - und das, obwohl im Verein keine Frauen aufgenommen werden. "Für uns Kinder waren die Schützenfeste früher das größte Ereignis im Dorf", sagt die heute 68-Jährige. Hart sei das Leben für die Landwirte gewesen, immer auf dem Feld, ohne Urlaub. "Bis zum Schützenfest musste der Acker fertig sein. Und nach dem Fest begann die Ernte." Die Feierlichkeiten seien eine Phase des kurzen Innehaltens und des Vergnügens gewesen. Die Kinder wurden eingekleidet, die Frauen trugen neue Kleider, die Männer Gehrock und Zylinder. Oftmals hätten die Schützen bis zum frühen Morgen gefeiert, die Tiere gefüttert und dann weiter gefeiert. "Es gab ein Karussell und Bonbons, Dinge, die es sonst nicht gab."

"Daraufhin hat sich der alte Fritz mit der Angelegenheit beschäftigt."

Inge Schrader, Chronistin der Silstedter Schützengesellschaft von 1765

Aufgeflammt sei ihre Leidenschaft für die Geschichte des Vereins, als ihr Mann im Jahr 1982 Schützenkönig wurde. Jeder König erhält für die Zeit seiner "Regentschaft" die Schützentruhe mit der Schützenrolle und historischen Dokumenten des Vereins. "Ich habe mir die Papiere angeschaut. Da waren die Schützenkönige und -meister seit dem 18. Jahrhundert verzeichnet. Faszinierend." Verordnungen aus dieser Zeit sowie Nachweise über Einnahmen und Ausgaben der Vereinigung fanden sich ebenso in der Kiste - Dokumente, die die wechselvolle Geschichte des Vereins belegten.

Wie bespielsweise ein Brief von König Friedrich II. aus dem Jahr 1776, in dem er den Silstedtern erlaubte, wieder ihr Schützenfest zu feiern. Vorausgegangen war zwei Jahre zuvor ein Verbot von Henrich Ernst Graf zu Stolberg-Wernigerode. Dem frommen Grafen waren die für ihn unerträglichen Auswüchse des Schützenwesens ein Dorn im Auge. Er versuchte das Freischießen in seiner Grafschaft zu verhindern. Die Silstedter aber wollten sich ihren Brauch nicht verbieten lassen. Sie setzten einen Brief auf, der von 57 Einwohnern unterschrieben wurde. Ein alter Silstedter Soldat habe den Brief zum König gebracht. "Der alte Fritz hat sich daraufhin mit der Angelegenheit beschäftigt", sagt Inge Schrader. So gebe es einen ganzen Ordner mit Schriftverkehr. Und schließlich die Konzession vom 24. Oktober 1776 mit Unterschrift und Siegel von Friedrich dem Großen.

Diese und viele weitere Anekdoten enthält die Broschüre, die im Juli erscheint. So durften Schützenkönige früher die Schützenwiese abernten und das Heu verkaufen. Ebenfalls ist überliefert, dass ungebührliches Verhalten bei den Schützenbrüdern verboten war. Wer beim Fluchen erwischt wurde, musste einen Groschen Strafe zahlen. Wer sich gar betrank, wurde mit 16 Groschen zur Kasse gebeten.

Darüber hinaus sind in der Chronik viele historische Fotos abgedruckt, verrät Inge Schrader. Unterstützt habe sie Ortschronist Michael Boos, der die Silstedter gebeten hatte, Bilder zur Verfügung zu stellen. Sehr dankbar sei sie zudem für die Hilfe von Horst Schädel. Der Reddeberaner habe sich die Mühe gemacht und seitenweise schwer entzifferbare Dokumente abgeschrieben.

Nachdem ihre Arbeit an der Broschüre abgeschlossen ist, will sich Inge Schrader nun eine kleine Pause gönnen. "Jetzt ist erst einmal der Garten dran und eine eigene kleine private Schützenchronik für meinen Enkel Pascal." Später irgendwann wolle sie sich weiter mit der Historie der Silstedter Schützen befassen. Denn, so sagt sie, die Geschichte des Vereins wird fortgeschrieben. Schon im Juli mit dem großen Schützenfest zum 250. Geburtstag.

 

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