In der Serie "Neue Fassaden – alte Geschichten" stellt die Harzer Volksstimme historisch interessante Häuser in Wernigerode vor. Mit diesem Thema haben sich auch Heimatforscher und Mitarbeiter der Oskar Kämmer Schule, unterstützt von der KoBa, befasst. Ihre Erforschung fließt in die Beschreibungen mit ein. Der Rundgang führt heute zur Kochstraße 27.

Wernigerode. "Mein Haus und nicht das in der Hinterstraße ist das älteste in Wernigerode", behauptet Dirk Schönknecht. Nur leider wüssten das viele nicht. Im Jahr 2003 erwarb der 40-jährige Elektriker das Gebäude in der Kochstraße 27. Und eines steht für ihn fest: Das Haus ist bei Heimatforschern und Kunsthistorikern sehr lange stiefmütterlich behandelt worden.

Vor einiger Zeit hatte sich der Wasserlebener Holzexperte Frank Högg im Auftrag des Wernigeröder Baudezernates mit dem Haus Kochstraße 27 befasst und eine bauforscherische Dokumentation erarbeitet. Denn auch Baudezernent Burkhard Rudo hatte, wie sich inzwischen zweifelsfrei bestätigte, vermutet, dass es sich bei dem Gebäude um eines der wenigen im Stadtbild erhaltenen Ständergeschossbauten und damit höchstwahrscheinlich um eines der ältesten Fachwerkhäuser Wernigerodes handelt.

Insgesamt 16 Bohrkerne des Gebälks wurden dendrochronologisch untersucht. Insgesamt neun der Fichtenhölzer ließen sich, so der Wasserlebener, zweifelsfrei einer Schlagphase nach 1535/36 zuordnen. Der Holzexperte geht deshalb von der Erbauung des Hauses Kochstraße 27 in der Bausaison des Jahres 1536 oder wenig später aus. "Es gehört damit neben den Häusern Breite Straße 80 (zirka 1529), Markstraße 3 (zirka 1530), Oberpfarrkirchhof 10/11 und dem Gemeindehaus Gadenstedt (beides frühes 16. Jahrhundert) zu den ältesten erhaltenen Fachwerkhäusern Wernigerodes", so Frank Högg.

Nach einem Brand im Jahr 1690 wurde das Gebäude wesentlich umgebaut. Dabei hielt man sich entsprechend dem Ursprungsbau an eine altertümliche Ständergeschossbauweise. Das traufständige, zweigeschossige Haus besteht primär aus nur fünf Gebinden. Der Fachmann geht von den zum Primärbestand von 1536 gehörenden quergespannten Balkendecken des Hauses aus. Auch die beiden Randgebinde mit dem Giebelfachwerk gehören zum Originalbestand. Sie dokumentieren die Grundkonstruktion des Hauses als Ständergeschossbau. Dieser ist in beiden Giebeln mit noch insgesamt zehn geschossübergreifenden Außenwandständen erhalten. "Damit zählt das Haus neben dem etwa zehn Jahr jüngeren Gebäude Hinterstraße 48 zu den wenigen Relikten einer aus dem Mittelalter übernommenen Holzbautradition", meint der Wasserlebener Holzexperte Frank Högg.

Stück für Stück saniert

Nach 1691 habe es eine weitere Umbauphase gegeben. Insgesamt drei der Hölzer der hofseitigen Traufwand ließen sich dendrochronologisch in das späte 17. Jahrhundert datieren. Der erhaltene letzte Jahresring des jüngsten Holzes verweist klar auf den Holzeinschlagwinter 1690/91. Höchstwahrscheinlich habe man in dieser Zeit auch die straßenseitige Traufwand komplett erneuert, so der Holzexperte.

"Vor allem die unverfälschte frühneuzeitliche Grundrissdisposition stellt für Wernigerode ein einzigartiges historisches Zeugnis dar", meint Högg. Er spricht von einem technikgeschichtlich ältesten Zeugnis Nordharzer Zimmermannskunst. "Und das mit einem über 450-jährigen Originalbestand", freut sich Hausbesitzer Dirk Schönknecht. "Ich habe mich so in das Haus verliebt, dass ich es weiter sanieren werde", verspricht er auch angesichts der Baustelle, in der er derzeit lebt.