Sturmtief "Lukas" fegte gestern mit Orkanböen nicht nur über den Brocken. Auch im Nordharz wirbelte er sämtliche leichteren Gegenstände durch die Luft und lud sie nach Belieben irgendwo wieder ab. Bei Windspitzen jenseits der 100 km/h knickten auch Bäume um. Vor dem Hintergrund der Diskussion um das Für und Wider von neuen gelben Tonnen oder alten gelben Säcken, schien es ausgerechnet "Lukas" zu gelingen, frischen Wind in die Diskussion gebracht zu haben.

Darlingerode. Die Autofahrt durch die Wohngebiete gleicht einem unfreiwilligen Slalom. Die gelben Pylonen sind in Wahrheit gelbe Säcke. Gestern werden sie wohl tausendfach im Land zum Fluch.

Gleich mehrfach melden sich entnervte Anwohner, unter anderem aus Drübeck und Darlingerode, dass man der herumfliegenden Leichtgewichten kaum noch Herr wird. Sie rollen nahezu allerorten über Straßen, Wege, Plätze und Felder. Im günstigsten Fall bleiben sie, angesichts der heftigen Orkanböen, heil in irgendwelchen Vorgärten liegen. Doch gestern verfangen sich Joghurtbecher und Co. in Hecken und verschandeln die Landschaft erheblich. Manch Nordharzer dürfte erst zum Feierabend die "schöne Bescherung" in seinem Vorgarten bemerkt haben. Was aber passiert mit dem tonnenweise gesammelten Unrat, der sich seit der Nacht flächendeckend jenseits der Grundstücke ausbreitet? Das fragt sich nicht nur Dagmar Proft aus der Straße An der Thingstätte in Darlingerode. Sie sieht ihre ansonsten sehr hübsche Siedlung wieder einmal hoffnungslos vermüllt. In den Gräben entlang des Fahrradweges nach Wernigerode würde sich der ganze Dreck sammeln.

"Jedes Mal dasselbe Theater"

Dagmar Proft: "Das ist für unsere touristisch geprägte Region wahrlich kein gutes Aushängeschild." Ein katastrophales Bild biete sich zudem auch im Bereich des Halberstädter Weges. Und irgendwann verteile sich alles auf dem Acker bis hinüber zur Brauerei. Proft selbst ist gestern unter jenen Wenigen, die herumfliegende Säcke an die Zäune anbinden oder überhaupt erstmal von der Straße sammeln: "Ich verstehe auch die Leute nicht, die denen nur ausweichen und damit einfach ignorieren. Da vergibt man sich doch nichts, wenn man bei diesem Sturm selbst mit Hand anlegt. Jedes Mal, wenn Wind weht, dasselbe Theater, die Säcke reißen." Dagmar Proft fühlt sich an die Situation erinnert, als die riesige Wernigeröder Deponie noch betrieben wurde. "Da sah es im Umkreis von zig Kilometern genau so aus, wie heute." Und sie erinnert auch noch daran: "Wo Unrat ist, da ist Ungeziefer. Und Ungeziefer bringt auch Krankheiten. Gelbe Tonnen würden nicht so herumfliegen."

Regelrecht wütend ist auch Dieter Bax aus dem Darlingeröder "Schlossblick". Er steht zwischen zwei Dutzend Mülltüten und räumt sie mühsam wieder zurück - dorthin, von wo sie sich Stunden vorher mal auf den Weg gemacht haben. In unverkennbarem Kölner Dialekt zeigt er wetternd auf die dürftige Gitterbox: "Dä Käfich, datt is wat vorn Ar...! Ich räum den Sch... hier wech. Fühl mich, wie uff‘ de Müllkippe." Das dürfe so keinesfalls bleiben.

Nach seiner Lesart ist die einseitig offene Gitterbox schön anzusehen, aber schon bei schwächerem Wind ohne jeglichen praktischen Nutzen. Gleich neben ihm findet sich weiteres "Strandgut". Dutzende gelbe Säcke in einem Entwässerungsgraben. Viele sind nach tagelanger Rutschpartie über den Asphalt längst aufgeschlitzt. Bax: "Die meisten lagen schon vor Monaten dort drin." So schwimmt der Unrat schaukelnd hin und her, nur nicht wirklich weg. Ein Festmahl fürs Ungeziefer.

 

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