Blankenburg. "Wir waren zwar gewarnt, aber die Realität ist noch härter." Für Blankenburgs Pfarrerin Sabine Beyer war ihre jüngste Fortbildung alles andere, als in romantischer Kulisse entspannt Seminaren zu lauschen. Ihr dreiwöchiger Aufenthalt in Indien war "hart, stressig aber auch spannend", wie sie sagt. Und das lag nicht nur an den 35 Grad im Schatten und den drei Seminar-Blöcken pro Tag.

Schwierig gestaltete sich schon die Verständigung mit ihren indischen Kollegen der Tamil Evangelisch-Lutherischen Kirche - den langjährigen Partnern der Braunschweigischen Landeskirche im armen südöstlichen Teil des Staates, der Stadt Tharangambadi im Bundesstaat Tamil Nadu. Es wurde zwar englisch gesprochen, aber oft auch mit Händen und Füßen erklärt, wie Pastoren in Deutschland arbeiten. "In einem Seelsorgekurs wurde aber schnell deutlich, dass die Inder ganz andere Probleme haben", erzählt Sabine Beyer, die Kollegen kennenlernte, die tagtäglich ums nackte Überleben kämpfen. Von maroden Kirchengebäuden ganz zu schweigen. "Dass einige von denen noch stehen, ist kaum zu glauben", schildert sie.

Sabine Beyer war eine von sechs Deutschen, die an diesem bundesweit ausgeschriebenen Pilotprojekt zur Fortbildung indischer Pastoren teilnehmen durften. Dabei gewann sie den Eindruck, dass es vor allem ihre weiblichen Kollegen sichtlich genossen, einmal selbst etwas über ihre Arbeit erzählen zu können. Dabei traten nicht nur für Sabine Beyer ganz erstaunliche Dinge zu Tage. So etwa, dass in Tamil Nadu der Pastor dabei ist, wenn jungen Mädchen Ohrlöcher gestochen werden. Und dies kann schonmal den ganzen Tag dauern. Und obwohl die Inder sehr konservativ sind und die Gott-esdienste nach einer klaren Lithurgie abhalten, gehen sie auch ungewöhnliche Wege, um Menschen in die Kirchen zu locken. So werden bereits morgens um 6 Uhr mit Megafon die Straßen mit christlicher Popmusik à la Bollywood beschallt, ehe sich die Gemeinde eine halbe Stunde später für den Gottesdienst einsingt.

Doch in einem Land, in dem die Christen gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung stellen, hat der Muezzin Vortritt. Er weckt die Muslime, die etwa 12 Prozent der Einwohner ausmachen, bereits um 5.15 Uhr mit einem 45-minütigen Ruf.

"Ich hatte zwar gehofft, dass wir etwas mehr für unsere Arbeit mitnehmen können", sagt Sabine Beyer. Am wichtigsten sei es aber, dass die Fortbildung für die indischen Kollegen am Laufen gehalten wird. "Dann hat sich die Reise gelohnt." Und vielleicht wird es ja demnächst auch in ihren Blankenburger Gottesdiensten etwas peppigere Musik zu hören geben.

Am 14. April wird Sabine Beyer im Georgenhof über ihre Erlebnisse ausführlich berichten. Dazu lädt sie schon jetzt ab 19.30 Uhr alle Interessierten herzlich ein.