Jahrzehntelang fristete sie, im Gemeinde-Safe bestens verschlossen, ein Mauerblümchen-Dasein: Wasserlebens "vergessene" Chronik. Insgesamt drei gewaltige Bände hat Wilhelm Heise (1891-1964) hinterlassen. Das Ganze ist in vielfacher Hinsicht eine Fundgrube für den Heimatverein im Allgemeinen und den Ortschronisten im Besonderen. Heute Nachmittag wird die Heise-Chronik erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Wasserleben. Um den historischen Wert der Heise-Chronik zu erkennen, muss man nicht zwingend Historiker sein. Und auch kein Schriftgelehrter. Obwohl die drei Bände der Wasserleber Ortschronik allein schon optisch faszinieren. So erinnert die filigrane Schrift eher an jene von Mönchen aus dem Mittelalter, als an eine Chronik, die erst in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts beendet wurde. Heises Bücher bestechen wegen ihrer Akuratesse derart, dass man sie bei flüchtigem Hinsehen glatt für gedruckt halten könnte. Sind sie aber nicht. Wer derart exakt aufschreibt, was ihm übermittelt wird und als Zeitzeuge selbst erlebt, dem kann man im Nachhinein leicht einen "Persilschein" ausstellen. Und das in dem Sinne, dass so einer mit den geschichtlichen Fakten ebenso penibel umgegeht, wie mit der eigenen Schrift. Das sehen auch die beiden Vereinsvorsitzenden des Wasserleber Heimatvereins Hans-Georg Krasberg und Heidrun Rosteck an der Spitze der insgesamt 15 Mitglieder so.

"Am wertvollsten sind die Geschichten über Wasserleber Originale"

Krasberg wird die drei Bände heute Nachmittag ab 15.30 Uhr erstmals einer interessierten Öffentlichkeit im Gutshaus vorstellen. Das Ganze in gemütlicher Runde bei Kaffee und Kuchen. Doch die 1819 Seiten umfassende Heise-Chronik allein auf die hinterlassenen Fakten zu reduzieren, wäre viel zu kurz gesprungen. Einen zusätzlichen Wert erhalten die Bücher durch diverse Bleistiftzeichnungen, mit denen der 1891 Geborene seine Ortsgeschichte illustriert. Das im Übrigen mit ebensolcher Detailverliebtheit und offensichtlichem zeichnerischen Talent, wie seine Schrift. Da finden sich gleich dutzendfach Porträts von Bürgermeistern oder anderen wichtigen Wasserleber Persönlichkeiten. Diese bekommen ihre beeindruckende Ergänzung in unzähligen dörflichen Ansichten mit Details, die es schon Jahrzehnte nicht mehr gibt. Sie wären in Vergessenheit geraten, hätte sie nicht Heise irgendwann mal für die Nachwelt festgehalten. Und das zu einem Zeitpunkt, da es bis zur digitalen Fotografie noch Jahrzehnte dauern sollte.

Krasberg auf die Frage, weshalb diese Chronik erst jetzt "aus der Versenkung" auftaucht: "Es steht dort nichts Geheimes drin. Sie war schlicht zu unhandlich, und irgendwann hatte man sie auch vergessen."

Heises Hinterlassenschaft ist auf ganz normalem DDR-Briefpapier aus den 1950-er Jahren und noch dazu mit billiger Tinte geschrieben. Ein paar Wassertropfen hätten gereicht, um für eine gehörige Schmiererei und teilweise Vernichtung zu sorgen. Außerdem beginnt das Papier allmählich zu zerfallen. So nahm sich Krasberg bereits 2008 vor, das umfangreiche Werk in digitaler Form zu sichern. Das Ganze mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung durch die Gemeinde sowie den Landkreis Harz.

Krasberg: "Das Wertvollste sind die von Heise aufgeschriebenen Geschichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert über die Menschen und Originale aus Wasserleben. Dabei zitiert der Verfasser viel aus alten Briefen, Dokumenten und sogar Tagebüchern."

Zu den beschriebenen Episoden gehört jene von dem Wasserleber Soldaten. Dieser zieht mit den napoleonischen Truppen nach Russland und verliert dort ein Bein. Jene Holzkrücken, mit denen er damals nach Hause zurückkehrt, werden nach Auswertung der Chronik jetzt plötzlich wieder gefunden. Auch diese sind heute im Gutshaus zu besichtigen.

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