Gefoltert, unschuldig verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt - allein in Wernigerode soll zwischen 1521 und 1665 insgesamt 47 Frauen und Männer dieser unsinnige und qualvolle Tod ereilt haben. Ausgerechnet die Frohnaturen der "Düsselhexen" setzen sich 490 Jahre nach dem ersten Hexenprozess in Wernigerode für die Rehabilitierung der unschuldigen Opfer ein. Ihr Begehren an den Stadtrat wird "mit Sorgfalt untersucht", heißt es eher zurückhaltend aus der Stadtverwaltung.

Wernigerode. "Düsselhexen gegen Hexenverfolgung" prangt in riesigen Lettern auf zwei Transparenten. Entrollt von einer Gruppe lustig verkleideter Gestalten auf dem Wernigeröder Schloss. Doch was zunächst wie ein Walpurgis-Gag wirkt, ist den "Düsselhexen" um ihren Sprecher Andreas Vogt bitterer Ernst. "Bei uns steht zu Walpurgis zwar der Frohsinn im Vordergrund, aber wir wollen gerade hier, an den historischen Wurzeln dieses Festes, dass sich die Menschen bewusst mit dem dunklen Kapitel der Hexenverfolgung beschäftigen", erklärt Vogt.

Nach seiner Eingabe an den Wernigeröder Stadtrat mit der Bitte um Rehabilitierung der Opfer der Wernigeröder Hexenprozesse (wir berichteten), nahm er die Antwort aus dem Rathaus mit gemischten Gefühlen entgegen. "Wir haben uns dazu entschieden, dass wir das Thema ,Hexenprozesse & Rehabilitierung\' mit Sorgfalt und der notwendigen historischen Forschung für das Stadtgebiet Wernigerode untersuchen werden. Dies wird unter Federführung und Beteiligung des städtischen Kulturausschusses in den nächsten Wochen geschehen", heißt es in dem Schreiben. Gleichzeitig wird den "Düsselhexen" davon abgeraten, das Thema mit den jährlichen Walpurgisfeiern zu verbinden: "Eine seriöse und dem schwierigen Thema entsprechende sorgfältige Behandlung ist in diesem Kontext nur schwer möglich."

"Lassen uns die Ernsthaftigkeit nicht absprechen"

Für Andreas Vogt und seine Mitstreiter ist aber gerade dies nur schwer nachzuvollziehen. "Wir finden es grundsätzlich gut, dass das Thema geprüft wird. Vielleicht gibt es ja sogar noch mehr Opfer. Aber wir lassen uns nicht die Ernsthaftigkeit absprechen", so der Düsseldorfer und ergänzt. "Wir sind zwar eine bunte, lustige Gruppe, sehen dieses sensible Thema aber mit der erforderlichen Reife und geschichtlichen Verantwortung."

Deshalb werden die "Düsselhexen" bei ihrem alljährlichen Treffen am letzten Apriltag für ihre Forderung vor dem Rathaus protestieren: "Wir werden Transparente dabei haben, um das Thema aufzugreifen."

Unterstützung erfahren sie unter anderem von dem Geschichtsforscher Hartmut Hegeler aus Unna. "Man muss sich bewusst sein, dass Wernigerode mit Schierke einen nicht unerheblichen Teil seiner touristischen Einnahmen aus der einstigen Hexenverfolgung erzielt", sagt er. Auch Hegeler setze sich für eine seriöse und historisch korrekte Aufarbeitung des Themas ein. Er selbst geht von 47 namentlich bekannten Opfern aus. "Die Hexenjagd begann 1521 mit drei ,Zauberinnen\' und 1523 mit den Angeklagten Alheit Rufugs und Alheit Stegs. Sie endete erst 1665 mit dem Prozess gegen Elisabeth Hademers. Alle Angeklagten starben auf schreckliche Weise", so Hegeler. Aus heutiger Sicht, so der Pfarrer im Ruhestand, seien die wegen Hexerei verurteilten Frauen und Männer im Sinne der Anklage für unschuldig zu erklären. "In Zeiten der modernen Naturwissenschaften ist wohl jedem einsichtig, dass ein Mensch nicht auf dem Besenstiel zum Hexensabbat fliegen oder mit Zauberei Wetterkatastrophen oder Krankheiten bewirken kann."

Hartmut Hegeler hält zum Thema einen Vortrag im Zentrum HarzKultur. Ab 29. Mai zeigt er dort eine Ausstellung über die Hexenprozesse.