Interessante Geschichten verbergen sich hinter den Fassaden der Fachwerkhäuser. In unserer Serie geht die Harzer Volksstimme diesen Geschichten auf den Grund. Heute führt unser Spaziergang in die Marktstraße 5 in Wernigerode.

Wernigerode. Viele unbeantwortete Fragen gibt es zum Haus in der Marktstraße 5. Der verstorbene Diplom-Historiker Manfred Oelsner meint, es sei "um 1530" entstanden. Mitarbeiter der Oskar-Kämmer-Schule, die sich mit Wernigeröder Hausgeschichten befassen, sind auf Quellen gestoßen, die das Jahr 1545 als Baujahr angeben. Danach sind 1680 und dann wieder 1928 größere Umbauten erfolgt.

Die letztere Jahreszahl ist unstrittig. Nicht nur, dass diese am Haus so steht, auch der jetzige Besitzer Thomas Fessel bestätigt diese Angabe. In jenem Jahr wurde die Wohnung im Erdgeschoss entfernt. Dafür entstanden zwei Geschäfte. In der linken Erdgeschosshälfte betreibt der Hauseigentümer seine Kneipe, rechts seine Frau ein Friseurgeschäft. Darüber befindet sich die gemeinsame Wohnung.

Das Haus entstand als niederdeutscher Fachwerkbau mit prächtigen, farbigen Fächerornamenten. Charakteristisch sind die doppelten Schiffskehlen, die an der Schwelle von klammerartigen Reliefstäben umgeben sind. Über den Balkenköpfen sind hufeisenförmig umschlungene Herzen zu sehen. Die Knaggen über dem Dachvorstand bilden mehrere Wülste. Das rechts danebenliegende Treppenhaus zeigt Quedlinburger Fachwerkbau mit dem Diamantschnitt der Balkenköpfe, leichtem Fachwerk, Andreaskreuzen und durchkreuzten Rauten in den Gefachen.

Da der Großvater von Thomas Fessel im Zweiten Weltkrieg gefallen war und sein Vater sehr früh verstarb, weiß der Hausbesitzer sehr wenig über die Geschichte des Gebäudes. Bekannt ist beispielsweise, dass dort 1803 der Leineweber Kaps wohnte. Im Adressbuch von Wernigerode von 1912 wird mit Fritz Fessel erstmals der Großvater des jetzigen Hauseigentümers erwähnt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Familie das Haus aus nicht mehr bekannten Gründen verkauft und dann kurze Zeit später zurückerworben. "Dieser kurzzeitige Verkauf führte nach der Wende dazu, dass eines Tages ein Anwalt an die Tür klopfte und Eigentumsansprüche seiner Mandanten einforderte", so Fessel. Diese konnten aber dank der Grundbucheintragungen abgewehrt werden. Zu DDR-Zeiten befanden sich in dem Haus zeitweise links ein Blumenladen und rechts eine Backwarenverkaufsstelle des staatlichen Handels, vorher die Bäckerei Fänder. 1982 waren Thomas Fessel und seine Mutter nach dem Tod des Vaters kurzzeitig gemeinsame Eigentümer.

Seit 1991 ist Thomas Fessel alleiniger Besitzer des interessanten Fachwerkhauses, bei dem aber seiner Meinung nach mit den 1928 erfolgten Umbauten die Originalität verloren ging.

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