Einen Rückblick auf die Anfänge des Kunst- und Kulturvereins Wernigerode, seine Ausstellungen und Veranstaltungen gibt die kürzlich erschienene Vereinschronik. Besonders interessant: die Dokumentation der Sanierung in der Marktstraße 1.

Wernigerode. 30 dicke Ordner fasst das Archiv des Wernigeröder Kunst- und Kulturvereins. In den über 20 Jahren seines Bestehens ist eine Menge zusammengekommen - an Dokumenten, Fotos und Erinnerungen. "Ich habe mich da mal durchgewurschtelt", sagt Vereinschef Rainer Schulze. Vier Monate lang tauchte er in die Geschichte des Vereins ein, sichtete, ordnete das Material, Fakt für Fakt.

Dabei entstanden ist eine Chronik, in der die Aufzeichnungen lesefreundlich zusammengefasst sind. "Es ist wichtig, von Zeit zu Zeit zurückzublicken, weil solche Dinge sonst einfach verschwinden", so Schulze. Pleinairs, Ausstellungen, Konzerte, Film-abende - mit der Remise, der Kemenate, dem Kunsthof, der Galerie im Ersten Stock sowie der Galerie 1530 bietet der Verein Ausstellungs- und Auftrittsmöglichkeiten für Hunderte von Künstlern. Rund 50 000 Gäste besuchen die Veranstaltungen und Expositionen jährlich.

Nicht nur Zahlen wie diese sind beeindruckend, auch die Anfänge des Vereins waren beispielhaft und gehen bis in die 1980er Jahre zurück. Alles begann im Jahr 1981 mit einer Druckmaschine, für die Schulze in Wernigerode einen geeigneten Ausstellungsort suchte. "Dabei entdeckte ich auf dem Hof in der Marktstraße 1 ein Haus, das ich noch nie gesehen hatte - das 17 Meter lange Wohngebäude des Bürgermeis-ters Schütze von 1556." Es gehörte Margarete Schuhardt, die mit der Erhaltung des ganzen Anwesens überfordert gewesen sei. Fast zeitgleich arbeitete die Dresdner Studentin Ute Kliem an einer Diplomarbeit, die das sieben Gebäude umfassende Grundstück zum Thema hatte. Die Vorschläge von Ute Kliem seien damals so realistisch gewesen, dass das DDR-Kulturministerium eine Million DDR-Mark für die Sanierung und den Ausbau zur Verfügung stellte. Gleichzeitig habe es aber geheißen, dass weder Material noch Baukapazitäten vorhanden wären.

Nutzungsvertrag bis 2050 verlängert

Eine Gruppe von Feierabend-Handwerkern und "Denkmalpflegern" begann 1986 schließlich mit der Sanierung der Kemenate, nachdem die Stadt das Anwesen erworben hatte. Nach insgesamt 22 029 Arbeitsstunden konnte die Kemenate zum 40. Jahrestag der DDR, am 7. Oktober 1989, übergeben werden.

Der Kunst- und Kulturverein selbst wurde im Februar 1990 gegründet - damit verbunden war die Übernahme des Anwesens Marktstraße 1 mit allen Rechten und Pflichten. "Der damalige Bürgermeister Teubner verließ sich wohl auf unsere jahrelange Vorarbeit", so Schulze. Dennoch habe viel Fantasie dazugehört, sich in den vorwiegend ruinösen, verwohnten und desolaten Häusern eine dauerhafte kulturelle Nutzung vorzustellen. Trotz alledem gelang es nach und nach, die anderen Gebäudeteile des Komplexes zu sanieren und auszubauen.

"Diese Entwicklung ist in der Tat außergewöhnlich und wäre ohne die Unterstützung der Stadtverwaltung nicht möglich gewesen", schätzt der Vereinschef ein. Auf der anderen Seite bereichere der Verein das Kulturleben der Stadt in hohem Maße. "Das wiederum könnte die Verwaltung nicht allein leisten." So sieht es Schulze auch als gutes Zeichen, dass der Nutzungsvertrag für die Marktstraße 1 erst kürzlich bis 2050 verlängert wurde.

Und während die mit vielen Fotos gespickte und in 500 Exemplaren erschienene Rückschau inzwischen für eine Spende in Wernigerode erhältlich ist, schreibt der Verein seine Geschichte weiter. Bisher 50 Veranstaltungen in diesem Jahr, und weitere folgen - sie gehen dann wohl in die nächste Chronik ein.

Übrigens: In der Halle (erreichbar über den Kunsthof) ist derzeit eine Dokumentation über die Sanierung des Gebäudekomplexes zu sehen.