Gestern Abend 18 Uhr: Nach 46 Jahren als Mitarbeiterin für die Gemeinde Drübeck schließt Wilma Raabe (70) letztmals das Büro an der Alten Schule hinter sich zu. Ein Abschied mit Wehmut. Ihr Platz an der Seite des Ortsbürgermeisters wird fusionsbedingt künftig leer bleiben.

Drübeck. Vergleiche hinken zwar, aber der Beiname "Mutter Theresa von Drübeck" scheint im Falle Wilma Raabes so weit hergeholt nicht.

Gestern war ihr letzter Arbeitstag gewesen. Punkt 18 Uhr drehte sie letztmals den Schlüssel hinter sich herum. Dass es ein ganz schwerer Abschied werden würde, war ihr vorher klar. Nicht ohne Grund ging sie an diesem Tag nicht nur mit Sekt, Kaffee und Kuchen ins Büro, sondern auch mit dem Wissen, dass ihre äußerliche Ruhe ganz sicher nur den Beruhigungstropfen vom Morgen geschuldet sein kann.

Eine "Schlüsselrolle" wird sie künftig nur noch als Vorsitzende in der Volkssolidarität spielen. Aber auch in dieser Funktion ist genug zu tun. Eine Nachfolgerin stehe mit Monika Chwoika zwar in den Startlöchern. Aber sie wolle auf jeden Fall noch so lange Vorsitzende bleiben, wie es ihre Gesundheit erlaubt, so Wilma Raabe.

"Reingegangen bin ich mit Tränen; und so geh ich ‘raus"

Geboren wurde sie mitten im Zweiten Weltkrieg am 7. März 1941 in ihrem Drübecker Elternhaus an der Hauptstraße. Noch heute erinnert sie sich, wie sie sich in kindlicher Naivität über die "Christbäume" der alliierten Bomber gefreut hatte. Dabei nicht ahnend, dass dieses Feuerwerk am Himmel Minuten später nur den Beginn von Zerstörung und Tod bedeuten würde. In Erinnerung bleiben auch die vielen Flüchtlinge, denen sie Kartoffeln in die Drübecker Turnhalle brachte: "Was anderes hatten wir doch selbst nicht."

Die Mutter war Haushaltsgehilfin , der Vater Tischlermeister im Elektromotorenwerk. Dort lernte sie auch selbst Elektromaschinenbauer. Wilma Raabe heiratete 1960. Ein Jahr später wurde die erste von zwei Töchtern geboren. Inzwischen hat sie auch schon ein Urenkelchen.

Mitte der 60-er Jahre fing sie als Krippenhelferin in der Gemeinde Drübeck an. Was folgte, waren mehrere Qualifizierungen, bis sie dort schließlich am 16. Dezember 1997 als Bürokraft einstieg. "Ich bin dort ‘reingegangen mit Tränen, und werde wohl genauso auch wieder ‘rausgehen", prophezeite sie schon vor ihrem letzten Arbeitstag.

Ihre ausgesprochene Zuverlässigkeit wird im Gemeindebüro ebenso geschätzt, wie ihre permanente Bereitschaft zu helfen, wenn Not am Mann ist – auch außerhalb jeglicher Sprechzeiten. Wilma Raabe nimmt sich stets der Sorgen und Nöte ihrer Nachbarn an. Insofern kam auch ihre Wahl zur Vorsitzenden der Volkssolidaritäts-Ortsgruppe folgerichtig. Für die als sehr bescheiden geltende Frau geradezu symptomatisch: Drei Anläufe waren dazu notwendig. Erst danach willigte sie Anfang der 90-er Jahre ein, den Vorsitz zu übernehmen.

"Größter Lohn ist, wenn sich die Menschen freuen"

Unterdessen war sie längst in den Beirat der Volkssolidarität des Harzkreises gewählt worden. Aus den 24 Senioren zur Vereinsgründung 1949 sind es jetzt 110 Mitglieder geworden. Sie unterstützen sogar jene Veteranen im Ort, die selbst gar nicht Mitglied sind. Wilma Raabe: "Es ist für mich der größte Lohn, wenn sich die Menschen für unsere Arbeit bedanken und darüber sichtlich freuen."