Seit fast 44 Jahren können Schüler und Besucher auf dem Dach der Diesterweg-Schule in Wernigerode in die Sterne schauen. Hans Hempel hat die Astronomische Schulstation inklusive Beobachtungsplattform mit aufgebaut – und betreut sie noch heute ehrenamtlich.

Wernigerode. Ein goldenes Schild am Schuleingang und ein Schaukasten im Erdgeschoss: Die Astronomische Schulstation in der Wernigeröder Adolph-Diesterweg-Grundschule sorgt auch zu ebener Erde für Aufmerksamkeit. Wer aber die Räume sehen will, in denen schon Generationen von Schülern zur Astronomie-AG zusammengekommen sind, muss sich die einhundert Stufen hinauf in den dritten Stock begeben.

"Wenn ich all die Male, die ich die Treppen hochgelaufen bin, zusammenzähle, bin ich schon auf dem Mond gewesen", scherzt Hans Hempel, der die Station mit aus der Taufe gehoben hat. Noch heute, 15 Jahre nachdem er in den Ruhestand gegangen ist, betreut er sie ehrenamtlich. Seit jeher leitet er auch die Astro-AG, die sich immer donnerstags hier trifft. "Die Schulstation ist mein zweites Zuhause", sagt er. Hier oben stehen sogar Möbel von ihm.

Der 75-Jährige war einst selbst sowohl Schüler als auch Lehrer in der Schule an der Gustav-Petri-Straße. Mit der Astronomie kam er zuerst als Jugendlicher in Berührung – bei einem Besuch der Sternwarte "Otto Baumüller" in Wernigerode. Was er dort über das Weltall, die Sterne und die Planeten lernte, faszinierte ihn nachhaltig. "Seitdem kam ich nicht mehr los davon, den Himmel zu beobachten." Als die Sternwarte in der Kantstraße 1959 schloss, hatte Hans Hempel gerade seine Arbeit als Sport- und Geografielehrer an der Diesterweg-Schule begonnen. "Damals wurde das Fach Astronomie in den Lehrplan aufgenommen", erinnert er sich, "also unterrichtete ich fortan auch Astro." Später trat er der Fachkommision bei – jenem Zusammenschluss von Lehrern, auf dessen Initiative 1972 auch das Harzplanetarium in der Walther-Rathenau-Straße eröffnet wurde.

"Die Schulstation ist mein zweites Zuhause"

Mit viel Engagement bauten ab 1959 Lehrer, Schüler und Eltern die Astronomische Schulstation unter dem Dach der Schule auf. Zur Verfügung standen ihnen ein leerer Bodenraum und einige Geräte aus dem Nachlass der Sternwarte "Otto Baumüller". Nach und nach kam mehr Ausstattung hinzu. "Einmal bauten wir ein kleines Fernrohr aus Vinidurrohrresten und Linsen. Damit konnten wir den Planeten Jupiter mit seinen vier galileischen Monden beobachten. Da fühlten wir uns wie Galilei selbst." Aus einem Ofenrohr, einem Spiegel und einem Okular fertigten die AG-Mitglieder mit Unterstützung der Patenbetriebe sogar ein Spiegelteleskop.

Auch ihr Traum von einer Plattform auf dem Dach der Schule sollte sich erfüllen. Abermals war mühevolle Kleinarbeit vonnöten. Der Vater eines AG-Mitschülers entwickelte einen Bauplan und als dieser genehmigt wurde, ging es an die Materialsuche. "Damals wurde gerade das Hotel ¿Weißer Hirsch‘ umgebaut, und wir bekamen ein paar Balken und Holzbretter ab. Es war der reinste Kraftsport, sie vom Markt bis zur Schule zu tragen", sagt Hans Hempel lachend. Zu guter Letzt bauten sie eine Holztreppe für den Aufstieg zum Dach. Am 27. Oktober 1967, dem Geburtstag Adolph Diesterwegs, wurde die Astronomische Schulstation mit der vier mal vier Meter großen Plattform eingeweiht.

Inzwischen gleicht das Astrokabinett einem Museum. Alte Fernrohre, Sonnenuhren, Wandschmuck, Karten, Grafiken, Fotos oder Nachbildungen aus Pappmaché, zum Beispiel von Stonehenge – in 44 Jahren hat sich hier einiges angesammelt. Zum Beispiel ein Modell der Wostok 1, der Rakete, mit der Juri Gagarin 1961 ins All flog. Schüler der Arbeitsgemeinschaft hatten es 1973 gebaut und beim DDR-Jugendwettbewerb "Messe der Meister von Morgen" in Leipzig ausgestellt.

"Wir fühlten uns wie Galileo Galilei selbst"

Nach der Wende wurde aus der ehemaligen Oberschule eine Grundschule. Für Hans Hempel kein Grund, die AG aufzugeben. "Seitdem kommen eben jüngere Astronomen aus der dritten und vierten Klasse am Donnerstagnachmittag zu mir", sagt er. Derzeit sind unter anderem Vivien, Josephin, Paula und Inka aus der vierten Klasse dabei. Kürzlich haben sie wieder gebastelt und den Schaukasten im Erdgeschoss neu bestückt. "Und beim nächsten Mal schauen wir uns an, wie die Sonne aufgebaut ist", kündigt Hans Hempel an.