Bis zu seiner Abschaffung war der Zivildienst eine nützliche Alternative zum Wehrdienst. Marcel Heising hat seinen "Zivi" im Cecilienstift Halberstadt absolviert und dadurch seine wahre Berufung gefunden. Heute ist er Gruppenleiter für betreutes Wohnen in der Behindertenhilfe.

Halberstadt. Heute ist Marcel Heising weitaus zufriedener. Der gelernte Heilerziehungspfleger ist Gruppenleiter für betreutes Wohnen in der Behindertenhilfe des Cecilienstifts Halberstadt. Die Arbeit füllt ihn aus und er kann sich vorstellen, seinen Beruf noch lange Zeit auszuüben.

Doch diese innere Zufriedenheit kam erst durch Umwege zustande. Denn eigentlich hatte der gebürtige Halberstädter als Jugendlicher ganz andere Pläne. Nach seinem Abschluss auf der ehemaligen Gleim-Schule absolvierte er zunächst eine Lehre als Maler und Lackierer. Im Anschluss arbeitete er auch noch ein weiteres Jahr in diesem Beruf. Dann kam der Musterungsbescheid. Marcel Heising sollte für den Wehrdienst eingezogen werden.

"Für mich war von Anfang an klar, dass ich Zivildienst mache. Ich konnte das anders nicht mit meinem Gewissen vereinbaren", erinnert sich der 32-Jährige. Über Bekannte kam er an eine Zivi-Stelle in einem Altenpflegeheim in Blankenburg heran. Doch nach drei Monaten war die Begeisterung bei ihm schon wieder vorbei. Heising: "Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir die Arbeit zu schwer wurde. Ich hatte viel zu wenig Zeit, um mich intensiv um die Bewohner zu kümmern, weil wir zu wenig Mitarbeiter waren. Damit bin ich nicht klargekommen."

Ein Freund, der bereits seinen Zivildienst im Cecilienstift absolvierte, vermittelte ihm eine Stelle in der Behindertenhilfe. Marcel Heising durfte zunächst zwei Tage auf Probe arbeiten im Basiswohnheim für geistig behinderte Menschen. "Das war eine völlig neue Situation für mich", gesteht der junge Mann. "Ich wusste nicht, was auf mich zukommt oder was hinter der Arbeit mit Behinderten steckt." Doch es bestand kein Grund zur Sorge, denn das junge Team im Wohnheim hat den damals 20-Jährigen sofort aufgenommen und ist ganz offen mit ihm umgegangen. Die verbleibenden neun Monate vergingen wie im Flug. "Es war ein schönes Arbeiten, denn nicht jeder Tag verläuft gleich. Man muss die Abläufe immer neu organisieren und planen", weiß Heising.

Nach der Zivi-Zeit kam die große Frage, wie es weitergehen soll. Für Marcel Heising ging es erst einmal zurück in den alten Beruf als Maler und Lackierer. Doch die Erinnerung an die Zeit im Cecilienstift verfolgte ihn weiterhin und veranlasste ihn dazu, sich nach anderthalb Jahren umzuorientieren. Er begann eine neue Ausbildung, und zwar zum Heilerziehungspfleger. Den praktischen Teil konnte er im Cecilienstift absolvieren. Während der vier Jahre Ausbildungszeit durchlief er verschiedene Bereiche und Häuser in der Behindertenhilfe. Die theoretischen Kenntnisse erwarb er in der Fachschule für Sozialwesen in Drübeck, die er jeweils zweimal in der Woche besuchte.

"Die Teamarbeit macht mir Spaß"

Die Ausbildung hat Heising viel Nützliches vermittelt. Mit seinen Kollegen konnte er sich immer gut über die Arbeit austauschen, sagt er selbst. Und dass man ständig neue Menschen kennenlernt, das hat ihm viel Freude bereitet.

2005 hatte Marcel Heising seine Lehrzeit im Cecilienstift hinter sich. Und eigentlich hatte er geplant, Halberstadt zu verlassen und sich in Köln niederzulassen. Aber das Schicksal war auf seiner Seite. Das Cecilienstift bot ihm überraschend eine Stelle als pädagogischer Betreuer an. Zunächst arbeitete Heising ein halbes Jahr im Behindertenwohnheim in der Sternstraße, dann wechselte er in das Außenwohnheim in der Wernigeröder Straße, wo er auch heute noch tätig ist. Mittlerweile ist er Gruppenleiter. Neben der Unterstützung der Bewohner im Alltag schreibt er unter anderem Dienstpläne für seine Kollegen, prüft die Entwicklungsberichte und hat ein Auge auf die Wohnungen und WGs in der Wernigeröder und in der Wasserturmstraße, die das Cecilienstift für eigenständige Bewohner verwaltet. Darunter fallen 50 Bewohner und 12 Betreuer.

"Die Teamarbeit macht mir Spaß. Jeder kann mitentscheiden und ist in die Gruppe inte- griert", hebt der 32-Jährige die Vorzüge seiner Tätigkeit als Betreuer hervor. Mittlerweile hat er auch gelernt, Berufliches von Privatem zu trennen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man täglich mit den Sorgen und Problemen der Bewohner konfrontiert wird. "Das Abschalten geht viel besser als am Anfang. Früher schwirrten mir immer die ganzen Termine der Bewohner im Kopf herum. Aber mit den Jahren habe ich damit keine Probleme mehr." Natürlich nimmt man als Betreuer die Bedürfnisse der Menschen ernst, aber eine gewisse Distanz zu wahren, ist nicht verkehrt. "Sicher gibt es Bewohner, zu denen man einen besseren Draht hat, aber ich versuche neutral zu bleiben. Ich bin kein Vaterersatz oder der gute Kumpel. Und die Bewohner merken auch, ob man es ehrlich mit ihnen meint", sagt Marcel Heising.

Das Cecilienstift betreibt neben der Behindertenhilfe auch Altenhilfe und Kindertagesstätten, wo Zivildienstleistende bisher ihr Pflichtjahr absolvieren konnten. Im Juli soll der Bundesfreiwilligendienst (BFD) diesen ersetzen. Interessierte können sich für mindestens ein halbes Jahr in Einrichtungen jeder Art betätigen und bekommen dafür vom Bund finanzielle Unterstützung. Auch das Cecilienstift nimmt Bewerbungen über den BFD gern entgegen. Informationen gibt es im Internet:

www.bundesfreiwilligendienst.de

www.cecilienstift.de