Heute in genau einer Woche ist Schluss. In Abbenrodes Einkaufsmarkt ist der Ausverkauf zu gewohnten Preisen seit langem nicht mehr zu übersehen. Die meisten Regale sind demontiert. Ab Juni wird dort für mindestens vier Wochen nahezu alles umgebaut. Mit der "Abbo-Theke" geht es ab Juli zwar weiter, allerdings mit völlig anderem Konzept.

Abbenrode. Dieser Einkauf des Ehepaares Rosemarie und Bruno Remin (beide 76) scheint geradezu symptomatisch: "Bitte zwei Joghurt und eine Trauerkarte". Mehr haben sie nicht gefunden, nicht gewollt oder auch gar nicht mehr erwartet. Die meisten Regale sind längst demontiert: Löcher in den Fliesen und Wänden künden davon, wo sie einst standen. Pächter Dieter Kowasch hat per 31. Mai planmäßig gekündigt. Die Nachfolger stehen bereits in den Startlöchern. Wie sich die zumeist ältere Kundschaft während des Umbaus zur "Abbo-Theke" über die nächsten vier bis fünf Wochen retten will, bleibt jedem selbst überlassen. Oder freundlichen Nachbarn, sofern man keine Angehörigen mehr hat. Immerhin müssen die Abbenröder Kühlschränke spätestens ab dem 1. Juni aus Regalen in Stapelburg oder andernorts bestückt werden.

Gestern Vormittag hatte Verkäuferin Birgit Peisker (58) jedenfalls noch gut zu tun. Irgendwer stand immer im Laden: nahezu ausschließlich Rentner. Bruno Remmin: "Schade, dass die hier zumachen. Was wir hatten, wussten wir. Was wir bekommen, weiß keiner!"

Diese Skepsis zum künftigen Einkauf ist auch bei anderen Kunden gleich mehrfach zu spüren. Und sie mischt sich auch in allgemeine pessimistische Aussagen zur Entwicklung im Ort.

"Was wir hatten, wussten wir. Was wir bekommen ..."

Rosemarie Remin bilanziert mit der folgenden Aufzählung gleich die letzten Jahrzehnte, spricht also keineswegs nur von der Zeit nach 1990: "Wir hatten hier in Abbenrode mal eine Tankstelle und eine Autowerkstatt, drei Bäcker, zwei Lebensmittelgeschäfte und einen Tante-Emma-Laden." Letzterer von Wanda Lamm existiert schon seit beinahe 40 Jahren nicht mehr. Und der nächste Kunde stimmt gleich mit ein: "Das sind schon traurige Zustände, wenn man hier nicht mal mehr Senf holen kann. Früher hatten wir so viele Geschäfte und heute hält sich nicht mal mehr eins."

Sagt‘s und greift zum einzigen und letzten Schälchen Erdbeeren: "Post, Sparkasse, Arzt sind schon raus. Bloß gut, dass wenigstens einmal die Woche Schwester Michaela (Peisker, Anm. der Redaktion) geblieben ist." Was deren Mutter Birgit Peisker ab Juni macht, steht noch völlig in den Sternen. Im Moment ist sie noch eine Woche Kassiererin, Fleisch- und Wurstwarenverkäuferin, reicht die wenigen Backwaren über die beinahe gähnend leere Theke und räumt zugleich noch die zwei verbliebenen Regale aus oder ein. Immer, wenn sie etwas braucht und der "Notstand" offensichtlich wird, funkt sie ein "SOS" an Noch-Pächter Dieter Kowasch: "Er bringt mir alles, was ich ihm sage. Das klappt noch." Und selbst wer nächsten Montag oder Dienstag in den Laden kommt, könnte bei null Alternativen noch Glück haben. Das Allernotwendigste werden die Kunden vielleicht finden.

Gestern waren es noch vier Zahnbürsten, zwei Zahnpastatuben und ein einzelnes Bund Radieschen, die ins Auge fielen. Wie auch das schon längst demontierte Firmenschild von Dieter Kowasch über der Eingangstür.

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