Alarm bei der Bergwacht in Hüttenrode. Eine Studentin wird vermisst. Die Retter vermuten sie im Stollen tief unter der Erde. So begann die Rettungsübung am Sonnabend im alten Bergwerk.

Hüttenrode. Schon lange war die Übung angekündigt. "Die tatsächliche Arbeit der Retter kann nur im Stollen beobachtet werden", ließen die Organisatoren der Fachgruppe Gruben- und Untertagerettung in der Bergwacht Hüttenrode um Einsatzleiter Friedhelm Cario durchblicken. Nicht nur die Helfer waren gespannt, was sie erwarten sollte - auch die geladenen Medienvertreter. Am Zugang zur "Roten Grube" begrüßten sich alle mit einem "Glück auf". Die Beobachter mussten vorab einen Schutzanzug anlegen, im Volksmund auch als "Ganzkörper-Kondom" bezeichnet. Später, nach Stunden durch enge Gänge, über schlammigen Boden und vorbei an feuchten Wänden, waren sie dafür sehr dankbar. Auch Helm und Leuchte gehörten zur Vorbereitung wie die obligatorische Belehrung. Ebenso wurde gute Fitness verlangt, was schnell spürbar wurde, als es zusammen mit Helfer Jan Münch über wacklige Leitern und lose Schuttberge in die Tiefe ging. Nur gut, dass er dabei war. Im Gewirr von Kreuzungen und Abbiegungen hätte man sich schnell verirren können. Irgendwann erklangen Stimmen. Auf der zweiten Sohle waren ein gutes Dutzend Retter um Suchtruppführer Martin Gorissen bereits unterwegs zur vermissten Studentin - mit überraschendem Erfolg. Statt einer weiblichen Person fanden sie einen verletzten jungen Mann. Per Flaschenzug hievten ihn die freiwilligen Helfer aus verschiedenen Bundesländern von der dritten Sohle etwa 40 Meter in die Höhe. Klare Kommandos von Michael König, dem Mann für die Seiltechnik, erleichterten das Zusammenspiel. "Jeder Handgriff muss sitzen", machte er klar, "um sich und andere nicht unnötig zu gefährden." Mit ausgerenkter Schulter und unterkühlt wurde Georg, das Opfer, auf eine Bergrettungstrage verfrachtet. "Barbara, wo ist Barbara?" Scheinbar im Fieber, stammelte er den Namen. Den Rettern wurde klar, dass es eine weitere Person im Stollen geben muss.

"Jeder Handgriff muss sitzen"

Schnell wurden kleine Suchtrupps gebildet, die in alle Richtungen gingen, mit Melder ausgestattet oder per Funk verbunden. Einer von ihnen mit Andreas Pahl. Sie hatten und fanden Barbara. Mit schwacher Stimme und fröstelnd konnte sie sich noch bemerkbar machen.

Doch zuvor war noch Zeit, die Hinterlassenschaften des einstigen Eisenerz-Abbaus zu bestaunen. Mal sind es Gleisreste, mal alte Loren oder verrostete Rohrleitungsteile, die nach der Aufgabe der Grube 1969 zurückblieben. "Der Weltmarktpreis war so tief gesunken, dass es sich nicht mehr lohnte", erläuterte Cario. Irgend ein Kumpel schien damals sogar einen Gummistiefel zurückgelassen zu haben - er thront auf einem Geröllberg.

Der erste Handgriff, Barbara nach dem Auffinden sofort in wärmende Decken zu hüllen, nicht unbegründet. Im Schein des Lichts war der Atem zu sehen. Ein längerer Aufenthalt hätte zwangsweise zur Unterkühlung geführt. Eine zweite Gefahr – die Dunkelheit. Bei einem Test befiel die Beteiligten ein eigenartiges Gefühl. Das Auge kann sich nicht daran gewöhnen, weil jedweder noch so kleine Lichtstrahl fehlt. Inzwischen war die Bergung der Opfer bis zum Ausgang in vollem Gange. Der Transport über die engen Leitern forderte großen Respekt der Beobachter ab.

Cario wertete die Übung trotz kleinerer Mängel als Erfolg. "Auch wenn das Szenario nur gespielt ist, müssen wir den Gesamtablauf für eine solche Rettung von Menschen in einem Altbergbau üben", betonte er. Leider gebe es immer wieder unvernünftige Menschen, wie jüngst aus Bad Grund berichtet wurde. Der Experte hoffe trotzdem, solche Einsätze möglichst nicht real erleben zu müssen.