Wernigerode. Hatten Wernigerodes Sozialdemokraten den künftigen Ministerpräsidenten in ihrer Mitte ? An Jens Bullerjahn soll es jedenfalls nicht liegen. 105 Minuten lang hat er am SPD-Stammtisch für sich, für seine politischen Ziele und für seine Partei geworben : " Zunächst muss ich euch überzeugen, das ist mir klar. "

In 58 Wochen, so hatte es Ortsvereinschef Ludwig Hoffmann ausgezählt, sind Landtagswahlen. Was viel erscheinen mag, könnte knapp sein. Dass der Vize-Ministerpräsident, Finanzminister und SPDSpitzenkandidat – so hatte Hoffmann Bullerjahn begrüßt – im Lokal von der Kellnerin " als junger Mann " angesprochen wurde, zeigte : Der 47-Jährige aus dem Mansfelder Land muss dem Wahlvolk noch bekanntgemacht werden.

In Wernigerode hielt Bullerjahn seinen " Kompass " bereits hoch. Dieses Strategiepapier für den Landtagswahlkampf will er morgen erstmals öffentlich vorstellen. Im Harz erlebten die Genossen am diesmal dicht gedrängten Stammtisch einen Politiker, der über sich sagte : " Ich bin nicht nur ein Zahlenkasper. " Er nehme für

sich vielmehr in Anspruch, über das Auflisten bloßer Finanzdaten hinaus auch über eine Strategie für Sachsen-Anhalt zu verfügen.

Einen " Kompass " -Vorgeschmack erhielten die Harzer : Bis zum Jahresende wolle er Schwerpunkte für die Zukunftssicherung des Landes benennen : " Was kann Sachsen-Anhalt voranbringen ?" Der SPD-Politiker bekräftigte, ein Wettrennen um möglichst niedrige Löhne nicht. Darum habe man sich dafür stark gemacht, dass es im öffentlichen Dienst den 100-prozentigen Angleich ans Westniveau gibt.

Bullerjahn betonte auch, dass Bildungsthemen – von der Kindertagesstätte über Gesamtschulen bis zu Universitäten – die künftige Debatte beherrschen werden. Offen bekannte Bullerjahn, sowohl zu Wolfgang Böhmer ( CDU ) als auch zu Wulf Gallert ( Linke ) ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu haben. Beiden bescheinigte er, dass sie eine große Verantwortung für das Land tragen würden. Obwohl er mit Gallert befreundet sei, schloss der SPD-Mann erneut aus, unter einem Linke-Regierungschef ein Ministeramt übernehmen zu wollen. Das Ziel der Sozialdemokratie müsse sein, sich als linke Volkspartei zu zeigen, ohne die Linke links überholen zu wollen, forderte Bullerjahn. Auch wenn der Spitzenkandidat eine Koalitionsaussage bewusst vermied, ein rot-rotes Bündnis mochte er nicht ausschließen.

Danke fürs Finanzamt

Stattdessen gab sich der Südharzer beim Auflisten eigener Leistungen kämpferisch und selbstbewusst : Erstmals habe das Land 2007 und 2008 keine neuen Schulden gemacht, das Defizit von 2009 werde in diesem Jahr gedeckt. Das 600-Millionen-Euro-Minus wegen der Finanzkrise wolle man ab 2013 tilgen, " dafür bilden wir heute Rücklagen, ganz so wie im Privaten auch ". Bullerjahn schätzte ein, die SPD habe " in einer intakten Großen Koalition eine gute Arbeit geleistet ", das müsse im Wahlkampf deutlich werden. Wurde über den Spitzen-Sozialdemokraten mal geschrieben, er wäre ein cholerischer Chef, maßlos in seinen Anforderungen und sich dabei auch nicht selbst schonend, so war am Montagabend in Wernigerode ein anderer Bullerjahn zu erleben : Humorvoll und locker in der Sprache, den Stammtischlern durchaus das Gefühl vermittelnd, sich auf Augenhöhe zu bewegen und dabei auch zur Selbstkritik fähig. Das kräftige Tischklopfen zum Abschied für ihn ein Zeichen : Diese SPD-Mitglieder wollen für ihn in den Landtagswahlkampf ziehen.

Im Gepäck auf seiner nächtlichen Heimfahrt hatte Jens Bullerjahn das Lob eines Wernigeröder Genossen : " Ein Riesenkompliment dafür Herr Minister, dass Sie das Harzer Finanzamt in Quedlinburg gebaut haben. Endlich konnte die Mertik-Industriebrache mitten in der Stadt verschwinden. "