Wernigerode. " Ich hatte einen Misthaufen von Zetteln, den ich irgendwie ordnen musste ", beginnt Mathilde Stammler das Gespräch. " Wenn Sie so wollen, hat mich mein Ordnungssinn zu dem Buch getrieben. Ich wollte sämtliche Notizen von damals sortieren. " Sie hält kurz inne. " Und in meinem Kopf wollte ich auch Ordnung schaffen. "

Die 79-jährige Wernigeröderin hat vor kurzem ihr drittes Buch unter dem Titel " Mehr als 70 Jahre auf Papier " veröffentlicht. Ein, wie sie selbst sagt, Werk mit gemischtem Inhalt : Von ersten Notizen, die sie als Schulkind niedergeschrieben hat, über Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und der DDR sowie Erzählungen über den nicht immer leichten Weg als Katechetin.

" Es war ein sehr wechselvolles Leben ", schreibt sie. Wer ihr Buch liest, stellt vor allem fest, wie sehr die vergangenen 70 Jahre geprägt waren von ihrem unerschütterlichen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen : Als ihr Abitur in der DDR naht, wird die Zugehörigkeit zur Kirche ein immer größeres Problem. Und bald ist klar : Ein Studium rückt trotz sehr guter Noten in unerreichbare Ferne. " Der Direktor hat mir damals gesagt : ‘ Eine gewöhnliche Eins nützt Ihnen nichts. Aber wenn Sie aus der Kirche austreten, können Sie studieren, was Sie möchten ‘. " An ihre prompte Reaktion erinnert sie sich heute noch : " Ich sagte ihm, dass ich Christin bleiben werde, und wenn das ein Problem sei, würde ich warten, bis es keines mehr ist. " Heute lacht sie über den damaligen Schulleiter, der ihr das Leben schwer machte. " Ach je, der war herrlich dämlich und später erstaunlich schnell verschwunden. "

Nachdem ihr der Weg zum Studium versperrt wurde, lernt sie durch ihre Arbeit in der Bibliothek in Naumburg eine Katechetin kennen, bei der sie hospitieren darf. Nach einiger Zeit beginnt sie selbst die kirchliche Ausbildung und schließt sie erfolgreich ab.

Mit der Wende macht Mathilde Stammler eine bittere Erkenntnis : " Im Westen kannte man die Bezeichnung ‚ Katechetin ‘ nicht. Ich war plötzlich nichts mehr. " Dass der Beruf oft als minderwertig hingestellt wurde, gebe ihr noch immer einen Stoß. " Trotzdem bereue ich nichts. "

Heute engagiert sich die Autorin neben ihrer Schreibtätigkeit seit 35 Jahren für ein Patenschaftsprojekt in Tansania.