Schloß Wernigerode hat den Anspruch, " ein historisches Gesamtkunstwerk " zu sein. Sowohl das ausgestellte Inventar als auch die Repräsentationsräume an sich sind Beispiele für originale Wohnräume des Hochadels vor 1918. Geschäftsführer Christian Juranek blickt – trotz nach wie vor großer baulicher Sorgen – insgesamt auf ein erfolgreiches Museumsjahr 2009 zurück.

Wernigerode. Wird gemeinhin vor einem Wettbewerb gespottet, es gehe dabei lediglich um die " goldene Ananas ", so ist darunter folgendes zu verstehen : Das Ergebnis ist völlig nebensächlich, der Sieger steht nämlich längst fest. Eine Ananas, allerdings eine silberne, ist mitnichten eine solche Nebensächlichkeit. Dieser Ananaspokal aus dem 19. Jahrhundert ziert seit kurzem den Festsaal im Wernigeröder Schloss.

Der Pokal und 21 weitere Objekte waren am 1. April auf einer internationalen Auktion im niederländischen Amsterdam durch die Wernigeröder Schloss-Stiftung erworben worden. Mehr als sieben Monate später stellte Museumschef Christian Juranek diese Kunstwerke erstmal öffentlich vor ( Volksstimme berichtete ).

Bei dieser Präsentation ist ein wenig untergegangen, dass das Museum einen weiteren Raum nach historischem Vorbild rekonstruiert hat. Den Anlass dafür hatte der Rückkauf von Kunstgegenständen, die teils aus der früheren Dauerausstellung stammen, auf besagter Auktion geboten.

Die " Rote Henrichskammer ", benannt wie die " Grüne Henrichskammer " auch nach der Farbe der seidenen Wandbespannung, erstrahlt schöner – und dabei auch authentischer – denn je. Raumprägend sind zwei flämische Schränke, die zur originalen Ausstattung des Raumes gehörten, und ebenfalls ersteigert worden sind.

Wie Kustodin Eva-Maria Hasert gestern informierte, handele es sich bei diesen Schränken um Möbel, deren Oberfläche aus originalen Renaissance-Schnitzereien bestehen. Seitdem die beiden zurückgekehrten Schränke wieder in der " Roten Henrichskammer " stünden, so Hasert, könne der Blick der Besucher auch auf die prächtigen Türen in diesem Raum gelenkt werden. Diese Türen, so die Kustodin, seien ebenfalls mit Renaissance-Füllungen ( siehe Foto oben links ) versehen worden. Hasert erläuterte auch, wie die Henrichskammern ihren Namen erhalten hätten. Dies sei eine Referenz von Fürst Otto an seinen Großvater Henrich zu Stolberg-Wernigerode, der dort seine Wohnräume hatte.

Schloß Wernigerode selbst, so Museumschef Christian Juranek, " ist ein historisches Gesamtkunstwerk, das originale Wohnräume des Hochadels vor 1918 und Themenräume zur höfischen Repräsentation sowie zur Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts präsentiert ". Die Rekonstruktion der " Roten Henrichskammer " und deren Ausstattung " in besonderer Qualität " sei jetzt " einer der neuen Höhepunkte " für die Museumsbesucher, so Juranek.

Blickt der Schlossherr auf das Vorjahr zurück, so weiß er eine Reihe Positives aufzuzählen : Schloßfestspiele, die wieder an die Erfolge – auch was den Kartenverkauf betrifft – der Vorjahre anknüpfen konnten. Zudem die seiner Auffassung nach gelungene Premiere des Walpurgismarktes, der in diesem Jahr wiederholt werde.

Dass im Festsaal bis auf die Fensterseite die wiederhergestellte historische Rankenmalerei zu sehen ist, erfreut Juranek ebenso. Er ist zuversichtlich, dass im kommenden – dann dem zehnten Restaurierungsjahr allein für diesen prächtigen Raum – den jährlich rund 180 000 Museumsbesuchern der ursprüngliche Zustand wieder gezeigt werden könne.

Die dort häufig tätigen Restaurationsexperten der Potsdamer Firma Gramann und Schweiger haben unterdessen weitere Untersuchungen vorgenommen. Sowohl im sogenannten Billardzimmer als auch in der Historischen Halle untersuchen sie die originale Wandstruktur. Mindestens einer der beiden Räume, so Juranek, solle noch im Winter restauriert werden, um im Frühjahr die von Carl Frühling geschaffene Wandfassung wieder sichtbar werden zu lassen.

Allerdings weiß der Museums-Geschäftsführer nicht nur Erfreuliches zu berichten : Beim Einbau eines neuen Heizungssystems sei man auch im Vorjahr nicht weiter vorangekommen, muss er einschätzen. Weitaus schlimmer sei jedoch das besondere Problem der Stützmauern am Schloss mit teilweise noch mittelalterlichen Bauteilen. Juranek : " Hier wächst eine Bedrohung vom Baulichen her, die ohne Hilfe von außen – die wir vor allem von Seiten des Landes erbitten – kaum zu bewältigen sein wird. "