Wo steht eigentlich mein Auto ? Und wer es dann unter den Schneemassen endlich gefunden hat, braucht für das Freischaufeln und Scheibenenteisen noch mal mindestens eine halbe Stunde. Wann hat es das im Nordharz letztmals gegeben ? Glatte Straßen und Frust bei vielen Kraftfahrern stehen allerdings der riesigen Freude von Ausflüglern und Kindern über die weiße Pracht entgegen.

Ilsenburg. Der Winterdienst schiebt die Schneemassen mit kühnem Schwung von der Straße. Die Hausbesitzer " wehren sich mit der Schneefräse " und alles geht wieder retour. Zu wenig Platz für zu viel Schnee. Dieses Szenario ist nicht nur am Wochenende und keinesfalls nur auf der vergleichsweise engen Ilsenburger Faktoreistraße zu beobachten. An manchen Stellen türmt sich die weiße Pracht gut einen Meter hoch.

Lothar Witteck ( 59 ) hat keine Fräse. Er versucht der ungewöhnlich reichlich ausgefallenen Pracht in Weiß auf ganz herkömmliche Art und Weise mit einem Schneeschieber aus dem Baumarkt beizukommen. Eine schweißtreibende Angelegenheit. Schwacher Trost : den Nachbarn geht es ja auch nicht besser. Und Witteck schiebt an diesem Wochenende mit der Gewissheit, dass von seiner Arbeit in ein paar Stunden kaum noch etwas zu sehen sein wird.

Auch der gestrige Sonntag bringt bekanntlich jede Menge weiteren Schnee. Unfreiwillige Fitnessübungen vor dem Gartenzaun. Das allerdings ein sehr kommunikationsfördernder Umstand. Überall treffen Schneeschieber auf ihre genauso beschäftigten Nachbarn : Stapelburg, Wasserleben, Langeln, Heudeber. " Schieber ", wohin das Auge blickt. Immerhin, so viel Zeit hätte man sich zum Plauschen jetzt im Winter wahrscheinlich nie genommen. So sind selbst ganze Grüppchen zu beobachten, die irgendwann fix und fertig nur noch ihre Räumgeräte festhalten und kopfschüttelnd registrieren : " Es schneit ja immer noch !"

Ein paar hundert Meter weiter ein höchst selten gewordener Anblick. Noch mitten im Ort schnallen sich Maren Friedel ( 35 ) und Matthias Christmann ( 45 ) aus Bremen die Langlaufskier an. Sie steht jetzt während ihres Harzurlaubs zum ersten Mal auf den Brettern, die den Spaß bedeuten. Und sie ist begeistert. Auf die Frage, wo es denn hingehen soll, kommt spontan " Natürlich auf den Brocken ". Beide wissen, dass das eine Illusion ist. Andererseits, wozu auf den Brocken mit gut einem halben Meter Schnee, wenn es sich doch zu dessen Fuße auf 30 Zentimetern Schnee genau so gut " lang - läuft "?

Auch wenn sich die Sonne zumeist rar macht, bietet die Ilse seit Tagen eine traumhafte Winterkulisse. Jeder noch so kleine vom Wasser umspielte Stein trägt eine mindestens 20 Zentimeter hohe Mütze. Wohl dem, der jetzt seinen Fotoapparat dabei hat. Hier bieten sich auch ohne Sonne Fotomotive en masse. Und genau das müssen Tausende in den letzten Tagen geahnt haben. Egal wann, das Ilsetal wurde von Einheimischen wie Touristen zu Recht " gestürmt ". Allein blieb man selten, nicht mal in den oberen Lagen Richtung Brocken. Einer, der erheblich von dem Bilderbuchwinter profitiert ist Michael Finger. Der 50-Jährige ist der Inhaber eines Ausflugsrestaurants oben am Ilsestein : " Dieses Wetter ist im Gegensatz zum letzten Jahr das mit Abstand beste, was uns passieren konnte. Nach dem überstandenen Eisregen am 30. Dezember ging es bei uns heiß her. Jeden Tag kommen zu uns bis zu 150 Gäste, wirklich sehr gut ".

In Darlingerode rutscht ein einsamer Langläufer über das Feld. Dessen Kommentar im Vorbeifahren : " Einfach Klasse. Wir haben den Anschluss an die Loipen im Oberharz jetzt sogar direkt vor der Haustür ". Wer die Skiabfahrten bevorzugt, hat, wie am Torfhaus, nicht unbedingt die bessere Wahl getroffen. Bei eisigen Minus acht Grad liegt das zeitliche Verhältnis zwischen der kurzen Abfahrt und dem massenhaften Anstehen am Lift bei ungünstigen 1 : 15. Rodel gut. Ski auch ? So gesehen, haben die Wanderer im Ilsetal am Wochenende alles richtig gemacht.