Wernigerode ( mr / jc ). Eine Frau verlässt ihren Mann, bevor er sie darum bitten kann. Ein Sänger darf nicht mehr auftreten, ein Professor nicht mehr unterrichten, eine Schülerin nicht mehr die Schule besuchen. Schließlich brennen Synagogen überall in Deutschland.

Dann fällt der Vorhang. Das Stück " Splitter der Kristallnacht " ist zu Ende. Im Saal herrscht Totenstille. Die Zuschauer sitzen schweigend und geschockt auf ihren Plätzen. Einigen stehen Tränen in den Augen. Dann bricht ein tosender Applaus für die Schauspieler aus, der nicht enden will.

Mehr als 100 Zuschauer fanden sich am Montagabend in der Aula des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums in Wernigerode ein, um sich die Inszenierung der Rostocker Schauspielgruppe " Theater Mechaje " anzusehen. In 60 Minuten zeigten die überwiegend jüdischen Schauspieler in fünf voneinander unabhängigen Episoden die Schrecken des Dritten Reichs und der systematischen Ausrottung der Juden. Symbolisch räumten Männer mit einer Hakenkreuzbinde um den linken Arm die Kulissen nach jedem Splitter aus einem jüdischen Leben ab.

Aufgeführt wurde das Stück zum heutigen Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die rote Armee. Dazu gibt es ab 15 Uhr auch eine Feierstunde in der Mahn- und Gedenkstätte am Veckenstedter Weg.

Die Gruppe tourt mit " Splitter der Kristallnacht " bereits seit November 2008 durch ganz Deutschland - mit großem Erfolg. " Wir erhalten nach jeder Aufführung sehr viele positive Rückmeldungen ", berichtet der künstlerische Leiter Michael Beitman-Korchagin.

Die einzelnen Teile des Stücks gewähren einen Blick durch jüdische Augen in die Zeit des Nationalsozialismus. Dabei wird das ganze Ausmaß der Grausamkeit und Entwürdigung für dieses Volk in aller Deutlichkeit gezeigt. Einziger Wermutstropfen : Die Aula war nur etwa zur Hälfte besucht.

Olga Okrepilova stach in der Aufführung besonders hervor. Als junge Jüdin, die in der Schule gedemütigt wurde, brach sie weinend zusammen und bescherte den Zuschauern eine Gänsehaut.