Das Öffnen der Berliner Geschäfte an zehn Sonntagen – speziell an allen vier Adventssonntagen – hat das Bundesverfassungsgericht verboten. Auch in Wernigerode haben die Geschäfte an allen Sonntagen im Advent geöffnet. Mit dem Wernigeröder Pfarrer Hans-Jürgen Kant, derzeit Superintendent im Kirchenkreis, war Tom Koch im Gespräch.

Volksstimme : Herr Kant, Sie als Mann der Kirche können über diesen Richterspruch eigentlich nur jubeln, oder ?

Hans-Jürgen Kant : Jubeln ? Eine große Freude beschreibt mein Gefühl wohl treffender. Zudem bin ich wirklich überrascht : Zum einen über das in der Sache und im Sinne der Kirche klare Urteil und darüber, dass es dagegen keinen Sturm der Entrüstung gegeben hat.

Volksstimme : In Wernigerode haben Geschäfte auch an allen Adventssonntagen geöffnet. Ihren Protest dagegen habe ich allerdings nicht vernommen.

Kant : In der beliebten Urlauberstadt Wernigerode haben wir die Besonderheit, dass unsere Gäste die heimelige Atmosphäre in diesen Wochen genießen, auch davon lebt unsere Stadt. Ich glaube aber nicht, dass Touristen enttäuscht sein werden, wenn am Sonntag ein Textilgeschäft geschlossen bleibt. Immerhin kann man ja auch prima an den Samstagen einkaufen gehen.

Volksstimme : Fordern Sie eine völlige Sonntagsruhe ?

Kant : Nein, nicht so rigoros bitte : Dinge, die zu einem Sonntag gehören, sollen erlaubt bleiben. Ich möchte auch künftig auf meine frischen Sonntagsbrötchen von meinem Lieblingsbäcker nicht verzichten. Genauso wenig, wie auf meiner Kirchenbank zu sitzen und mich am Altarschmuck zu erfreuen. Für mich bedeutet das Urteil eine Chance für Christen und Nichtchristen zugleich, den Sonntag ohne Konsum als Gewinn zu begreifen. Mal als Sonntagsfahrer kein " Knöllchen " riskieren, in Ruhe den " Tatort " schauen – dass sind Dinge, an denen ich wirklich viel Freude haben kann.

Volksstimme : Am 1. Advent war Wernigerode voller Menschen. Diese wird wohl niemand gegen ihren Willen gezwungen haben, die Geschäfte zu betreten, oder ?

Kant : Gewiss nicht, diese Menschen können sich an Adventssonntagen auch an den Auslagen in den Schaufenstern erfreuen. Die Gewerkschaft hat das Urteil begrüßt, weil es die Freizeit vieler Verkäuferinnen schützt ; Wirtschaftsforscher haben eingeräumt, das Sonntagseinkäufe nicht mehr Umsatz bedeuten, lediglich, dass dieser an anderen Wochentagen erzielt werde. Übrigens, selbst der Handel begrüßt, dass es nun ein klares Urteil gibt.

Volksstimme : Wann kaufen Sie Weihnachtsgeschenke ein ?

Kant : Immer viel zu spät, zwei, drei Tage vorm Fest, und immer nehme ich mir vor : Nächstes Jahr fängst Du eher mit den Besorgungen an …