Der Gasalarm vom Sonntagnachmittag in Wernigerodes Innenstadt bewegt noch immer die Gemüter. Während die Verantwortlichen betonen, niemand sei zu Schaden gekommen, scheint die Ursache für den Großeinsatz geklärt. Unterdessen wirft das " mysteriöse Gasgemisch " auch zwei Tage später noch Fragen auf.

Wernigerode. Mehr als 36 Stunden haben die Verantwortlichen im Wernigeröder Rathaus gebraucht, um die Öffentlichkeit zum Großeinsatz wegen des Gasalarms vom Sonntagnachmittag erstmals umfassend zu informieren.

Wie die Volksstimme bereits gestern berichtet hatte, gehen die Ermittler der Polizei inzwischen von einem technischen Defekt als Schadensursache aus. Aus bislang ungeklärtem Grund ist im Keller des Eiscafés am Markt ein Kupferrohr an einem Kühlaggregat geborsten. Polizeisprecher Peter Pogunke revidierte seine frühere Darstellung, wonach an diesem Gerät noch am Sonnabend Wartungsarbeiten ausgeführt worden seien. Gestern betonte er, eine Fachfirma habe eine Reparatur vorgenommen, dabei einen der vier Motoren stillgelegt, eine Leitung gelötet und Kühlmittel aufgefüllt.

Warum es im Keller eine solche Druckwelle gegeben habe, die die massive Kellerluke im Gastraum des " Eiscafé Santin " angehoben habe, das müsse jetzt ein Gutachter herausfinden. Im Keller habe es nicht gebrannt, und es habe dort auch keine Explosion gegeben, betonte der Polizeisprecher am Dienstag auf Volksstimme-Nachfrage.

Frank Häußler, Vize-Stadtwehrleiter und am Sonntag ebenfalls am Einsatzort, begründete die weitreichenden Sicherheitsvorkehrungen mit einer lange anhaltenden und teilweise ungeklärten Explosionsgefahr. Messgeräte hätten im Kellerbereich des Cafés einen explosiven Wert von mehr als 50 ppm angezeigt ( ppm bedeutet Teile pro Million ), so Häußler. Darum sei entschieden worden, zunächst den unmittelbar betroffenen Bereich zu sperren. Als jedoch knapp zwei Stunden nach der Alarmierung von 14. 35 Uhr sogar im Bereich der Gustav-Petri-Straße ein Messwert " von bis zu 70 ppm " registriert worden sei, musste die Innenstadt rund 250 Meter im Umkreis um den Markt evakuiert werden, begründete der Feuerwehrmann.

Dazu habe man sich entschlossen, nachdem die Leitstelle der Kreisverwaltung mit dem " Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem " der Chemischen Industrie ( TUIS ) Rücksprache gehalten habe. Demnach sei von dem verdunstendem Kühlmittel eine Explosionsgefahr ausgegangen, diese Information habe man dem sogenannten Sicherheitsdatenblatt entnommen, so Häußler. Daher, so seine gestrige Einschätzung gegenüber der Volksstimme, sei der aufwändige Rettungseinsatz mit weiträumiger Evakuierung von rund 2000 Wernigerödern und dreistündiger Stromabschaltung " vollauf gerechtfertigt ".

An dieser Darstellung gibt es erste Zweifel, zumal mindestens ein Feuerwehr-Messgerät nicht einwandfrei funktioniert haben soll. Bei dem im ‘ Santin ‘ verwendeten Kühlmittel handele es sich laut Wernigeröder Feuerwehr um R 404 A. Nach Angaben eines Herstellers weise dieser Stoff die Brennbarkeitsklasse " A 1 " auf. Bei dem gebräuchlichen Kältemittel könne es unter normalem Umgebungsdruck und Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius " zu keiner Flammausbrei tung " kommen ; R 404 A sei nicht brennbar.