Der Mauerfall 1989 ist derzeit das Thema schlechthin. " Mir ist nicht einerlei, wie 20 Jahre später darüber berichtet wird ", betont Dieter Kabelitz. Der heutige Linke-Fraktionschef im Wernigeröder Stadtrat findet die öffentlichen Darstellungen " einseitig ". Er hat jene Wochen in der bunten Stadt am Harz etwas anders erlebt.

Wernigerode. " Das ist der Anlass dafür, mich zu Wort zu melden ", sagt Dieter Kabelitz nachdenklich. Denn : " Für sehr viele Menschen, die in der DDR lebten, war es damals wichtig, wie weiter damit. " Ihnen wie auch ihm sei es darum gegangen, einen demokratischen Staat zu gründen, der den sozialistischen Idealen entspricht. Der 61-jährige Lehrer : " Ich entstamme einer alten Familie Wernigeröder Sozialdemokraten. Mein Vater Richard war seit 1921 Mitglied der SPD. " Seine Eltern hätten ihn geprägt als Kind eines Hoffnungsstaates DDR, der frei sein sollte von Kriegstreiberei und großen sozialen Unterschieden.

Dieter Kabelitz : " Das Jahr 1989 brachte für mich enttäuschende Erkenntnisse. " Für ihn, der als SED-Mitglied mehr Gewerkschafter als Parteisoldat gewesen sei. Der Wernigeröder : " Im Mai hatten wir eine Sportreise

nach Ungarn an den Balaton unternommen. Dort konnten wir im österreichischen Fernsehen Bilder sehen. Unzensiert vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking. " Szenen, die vom menschenverachtenden Verhalten der chinesischen Partei zeugten. Kabelitz : " Absolut erschreckend war es dann, im Flugzeug das Neue Deutschland in die Hand zu bekommen und als Titelzeile zu lesen ‘ Volkskammer begrüßt das Verhalten der chinesischen Behörden per Akklamation ‘" ( lateinisch für Zuruf / Beifall, die Redaktion ).

Die Agonie der DDR-Regierung und der SED-Führung habe ihn in den folgenden Monaten immer mehr in Zweifel zu seinen Idealen gezwungen. Schließlich die Großdemonstration am 4. November in Berlin. Die Aussagen der Menschen dort, die offene Auseinandersetzung mit den jüngsten Geschehnissen und die Vision für die Zukunft einer wirklich demokratischen Republik : " Das brachte meine Frau Gudrun und mich spontan auf den Gedanken, auch in Wernigerode eine solche Kundgebung zu organisieren ", erinnert sich Dieter Kabelitz 20 Jahre später. Und : " Die Geschichte, wie es weiterging, war interessant. "

Während er in seiner Schule sofort Unterstützung gefunden habe, sei dies an der seiner Frau völlig anders gewesen. Schließlich hätten sie sich an die SEDKreisleitung gewandt. Der Beschluss zu der Demo sei zwar wichtig gewesen. Allerdings hätte sie nicht von den Lehrern organisiert werden können, weil sie keine Arbeiter waren.

Der Wernigeröder : " Für uns war das eine schreckliche Zeit. Die Kinder waren aufsässig. " An jenem Sonnabend, 11. November, als geplantem Termin, sei noch Schule gewesen. Kabelitz : " Zwischen dem 4. und 11. ging es hin und her. Am 10. November hatten wir die Genehmigung erhalten und die Technik an der Blumenuhr. "

Bereits im Oktober sei er mit seiner Frau in den Kirchen der Stadt gewesen, hätte dort schlimme Dinge gehört, so z. B. über die Kupferhütte in Ilsenburg. Die Erkenntnis, die in ihm reifte : " Die Funktionäre wurden dort gefragt. Warum sollten wir als Genossen nicht auch fragen und vor allem etwas daraus machen ?"

Für die Kundgebung habe es Freistellungen gegeben. Es seien " 200, 300, 400 Leute " erschienen, " wechselndes Publikum ". Dieter Kabelitz : " Ich habe versucht, die Sache zu leiten. " Der 1. Sekretär der SEDKreisleitung Wernigerode, Fritz Scheffer, sei auch da gewesen. Über sich und seine Gattin habe man unterdessen das Gerücht verbreitet, sie seien ein führendes Ehepaar im Neuen Forum. Der Linkssozialist : " Das war für mich damals der Hammer. Wo haben mich meine Leute da eigentlich eingeordnet ?"

Die Veranstaltung sei für viele emotional verlaufen. Sie hätten sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen gefühlt. Kabelitz : " Etliche schmissen unter Tränen ihr Parteibuch hin. Es war aber auch so, dass es junge Leute gegeben hat, die eintreten wollten. " Trotz allem hätten doch rationale Themen wie Wohnungsbau, Bildungsprobleme und nicht eingehaltene Versprechen eine Rolle gespielt. Der Wernigeröder : " Wir konnten Fritz Scheffer anmerken, dass die Angelegenheit für ihn nach zwei Stunden beendet war. " Und : " Er hatte sich aus der Verantwortung herausgezogen. Das nehme ich ihm heute noch übel. "

Während jener Zeit draußen in der Kälte habe er eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Dieter Kabelitz : " Während ich an eine demokratische DDR gedacht habe, waren viele schon auf dem Kreispolizeiamt, um sich ihre zehn D-Mark abzuholen. " Und eine Frage bewege ihn bis heute : " Wo sind die 2, 3 Millionen SED-Mitglieder geblieben ?"

Nach der Kundgebung seien er und seine Frau vor deren Parteigruppe zitiert worden. Als Verräter. Während Gudrun Kabelitz sofort ihren Austritt erklärt habe, " bin ich weitergelaufen ". Er habe versucht, Probleme zu klären. Nur : " In der Kreisleitung war im Dezember noch immer nichts passiert. "

20 Jahre später ist Dieter Kabelitz Fraktionsvorsitzender für seine Partei, Die Linke, im Wernigeröder Stadtrat. Zu damals sagt er : " Ich wollte mich einmischen, damit ich meine Ideale wiederfinde. " Heute ist er " natürlich ohne weiteres mit den positiven Seiten des 9. November 1989 vertraut ". Die beschränkten sich für ihn nicht nur auf Reisefreiheit. Der 61-Jährige : " Ich weiß, dass ich ein gewisses Maß an Demokratie mitgestalten kann. "