Wenn Juliane mit ihren Eltern Conny und Steffen Reinisch sowie ihrer 13-jährigen Schwester Laura heute ihren 20. Geburtstag feiert, wird dieses Fest wieder etwas Besonderes sein. Die Wernigeröder Familie verbindet es stets mit dem Mauerfall am 9. November 1989.

Wernigerode. " Um uns herum schien plötzlich alles wichtiger zu sein, als die Geburt unserer Tochter ", erinnern sich Conny und Steffen Reinisch an den 9. November vor 20 Jahren. Sie war damals 23 Jahre und als Wirtschaftskauffrau in der Schokoladenfabrik Argenta beschäftigt. Am 28. Juli hatte sie an der Müritz geheiratet. Steffen Reinisch, damals 25, stammt von dort, war seiner " Liebe " schon im Januar nach Wernigerode gefolgt und arbeitete als Maurer im Elmo. Während sich die Frischvermählten auf ihr erstes Wunschkind freuten, waren immer mehr Menschen über Ungarn in den Westen geflüchtet. " Auch wir waren im besten Alter, neue Wege zu gehen, doch nie mit Kind ", waren sich die Reinischs einig, die DDR nicht Hals über Kopf zu verlassen.

Am 9. November um 15. 15 Uhr erblickte Juliane in der Frauenklinik das Licht der Welt. Ein rundum gesundes Baby, 4030 Gramm schwer und 52 Zentimeter groß, die junge Mutti war überglücklich. Der frischgebackene Papa erfuhr vom Glück durch einen Anruf aus dem Kreißsaal. " Nach der Schicht besuchte ich meine beiden Frauen. " Vom Krankenhaus ging ‘ s dann gleich zur " Eiche ", wo eine Brigadefeier stattfand. Das passte, die Kollegen ließen den Papa hochleben, der Chef gab ihm für Freitag frei und versicherte, die Kollegen würden für ihn mitarbeiten. " Das war damals so. "

" Hast du

schon gehört ?"

Weder Günter Schabowskis legendären Versprecher um 18. 57 Uhr in der Pressekonferenz noch die Folgen erlebten Conny und Steffen Reinisch an diesem Donnerstag noch live mit. Für sie war in dieser Nacht die Geburt ihres Kindes " das größte Ereignis ", das am nächsten Morgen von der Antwort auf die Frage " Hast du schon gehört ?" noch eine historische Aufwertung erlebte. Conny Reinischs Bettnachbarin, eine junge Ärztin, genoss das Privileg, im Schwesternzimmer Fernsehen zu gucken. " Sie berichtete mir alles über die Grenzöffnung. " Steffen Reinisch bekam sie hautnah zu spüren : " Am Montag fehlte die Hälfte der Belegschaft im Betrieb. Das war schon irgendwie bedrückend. " Der Mauerfall stimmte die junge Familie dennoch zuversichtlich. Sie selbst reisten erst kurz vor Weihnachten nach Bad Harzburg. " Mit dem Begrüßungsgeld wussten wir so spontan gar nichts anzufangen. " Sie kauften Penatencreme fürs Baby und Kiwis, " die kannten wir bis dato überhaupt nicht ".

Diese Frucht gehört nun wie vieles andere aus dem Westen zu ihrem alltäglichen Leben. Tochter Juliane wurde erst in der Grundschule bewusst, was ihr Geburtstag für viele Menschen bedeutet. " Oh, ein Mauer-Kind, bekam ich oft zu hören. " Für etwas Besonderes hält sie sich nicht. Ost und West unterscheidet sie nicht, " nur dass ich weiß, in meinem Beruf verdient man drüben mehr. " Aber wie die Eltern zum Vorbild – ihr Vater ist seit 2002 selbständig, die Mutter hat nach zwei Kündigungen auch wieder Arbeit – will sie sich ebenso " durchboxen ".

Im Sommer beendet Juliane Reinisch im Harz-Klinikum ihre Lehre zur Gesundheitsund Krankenpflegerin. " Für einen Job würde ich über die ‚ Grenze ‘ gehen ", sagt die nun 20-Jährige und fügt etwas leise hinzu : " aber wohnen bleiben möchte ich gern hier bei meiner Familie. "