Erstmals im vogtländischen Plauen und am mächtigsten in der Leipziger Innenstadt : In diesen Tagen vor 20 Jahren haben zehntausende DDRBürger gegen das SED-Regime protestiert. In Wernigerode sind die Menschen am 4. November 1989, an einem Samstagnachmittag, mit Transparenten in einem großen Zug durch die Innenstadt demonstriert.

Wernigerode. Mauerbau 1961 und Mauerfall 1989, prägende Daten der DDR-Geschichte. Doch das Leben der Menschen in diesem Land ist nicht allein auf diese bedeutsamen Ereignisse zu reduzieren. Für Wernigerodes parteilosen Rathauschef Peter Gaffert spiegelt sich die Wirklichkeit im sogenannten Arbeiter-und-Bauernstaat " irgendwo zwischen Filmen wie ‘ Sonnenallee ‘ und ‘ Goodbye Lenin ‘ einerseits und ‘ Das Leben der anderen ‘ wider. Während der Uraufführung der Dokumenattion " Getrennt auf Zeit " bezeichnete es der Oberbürgermeister als letzten Versuch der SED-Machthaber, die Wirklichkeit zu verzerren, in dem sie lediglich von der " Wende " gesprochen hätten, wenn sie die friedliche Revolution 1989 gemeint hätten.

Am 4. November vor 20 Jahren hatten tausende Wernigeröder mit ihrem Protest tiefgreifende Veränderungen gefordert – zunächst innerhalb der DDR. Einer der Zeitzeugen ist Horst Förster aus Darlingerode. Der damals 60-Jährige hat diese Demonstration mit seinem Praktika-Fotoapparat dokumentiert. Im Volksstimme-Gespräch erinnerte er sich gestern an den machtvollen Protestzug. Nach den Demonstrationen an den Montagabenden zuvor sei festgelegt worden, an einem Wochenende durch Wernigerode zu marschieren – Ausdruck gewachsenen Selbstbewusstseins der Demonstranten.

Förster sagt, er sei kein Mitglied einer Partei gewesen, habe als Hauptdisponent in seinem Betrieb, dem volkseigenen Obst- und Gemüsehandel in Wernigerodes Albert-Bartels-Straße, für eine Teilnahme an diesem Protest geworben. Es war diese Art von " Buschfunk ", die schließlich rund 5000 Wernigeröder auf die Straßen führte ( siehe die Dokumentation aus der Volksstimme von 1989 ).

Vom Marktplatz zogen die Demonstranten zum Volkspolizei-Kreisamt auf dem Nicolaiplatz, am Rat des Kreises und an der SED-Kreisleitung vorbei zur Goethestraße, dort hatte die Staatssicherheit ihre Kreisdienststelle, wieder vors Rathaus : Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Reisefreiheit waren ihre Hauptforderungen. Auf einem Transparent eine Abrechnung mit den SED-Machthabern : " Demokratie mit Wahlbetrügern nie !" ( Foto ).

Warum hat Horst Förster heute vor 20 Jahren als einer von wenigen fotografiert ? " Ich hatte von niemandem einen Auftrag. Ich spürte, das ist ein einmaliger Moment, diesen Augenblick muss ich für die Nachwelt festhalten. " Mit einer Leiter ausgerüstet habe sich Förster bemüht, alle markanten Punkte des Demonstrationszuges zu fotografieren. Als er das Polizeigebäude auf dem Nico fokussiert hatte, habe ihn ein Mann wohlmeinend gewarnt.

Doch die einst auch in Wernigerode Mächtigen hatten anscheinend bereits kapituliert. Genau eine Woche später fiel im Eckertal die deutsch-deutsche Grenze als erste im Harz.