In der Wernigeröder Remise hat Claudia Hempel den Auftakt ihrer Lesereise zu ihrem Buch " Wenn Kinder rechtsextrem werden " gegeben. Etwa 70 Leute versammelten sich dort, um die Autorin zu hören und anschließend mit ihr über das Thema zu diskutieren.

Wernigerode. Richtig nachempfinden kann es wahrscheinlich nur eine Mutter. Wie weit man in der Beziehung zu seinem Kind sein muss, wenn man sagt, dass man es " einfach nur noch hasst ". Diese Erfahrung machte eine der Mütter, mit denen die Autorin Claudia Hempel für ihr Buch " Wenn Kinder rechtsextrem werden " gesprochen hat.

Neun Frauen und ein Mann beschreiben darin, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind sich der rechtsextremen Szene anschließt. " Darunter leidet die ganze Familie ", heißt es in einem Abschnitt, vorgetragen von Claudia Hempel.

Initiiert von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, führt die Lesereise durch fünf Städte des Bundeslandes. Die Wernigeröder Remise im Kunsthof war der Auftaktort dafür.

Wenn Claudia Hempel am Podium steht und rezitiert, ist viel die Rede von Verdrängung. Durch die Eltern, die lange nicht wahrhaben wollen, dass das eigene Kind rechtsextrem ist, oder durch Unwissenheit, die Zeichen dafür zu spät erkennen. Verdrängung durch die Schulen, für die es kein rechtsextremes Problem gibt. Verdrängung durch die Jugendämter, die die Schuld den Eltern zuschieben. Verdrängung von Seiten der Polizei und des Verfassungsschutzes, die nicht das Personal haben oder zu geringe Szene-Kenntnisse.

Während der Lesung geht häufig ein schockiertes Raunen durch den Raum. Zuschauer schütteln verständnislos ihre Köpfe, als sie hören, wie Eltern im Kampf um ihre Töchter oder Söhne allein gelassen werden. Über ein Gespräch mit dem Verfassungsschutz sagt eine Mutter im Buch : " Im Prinzip wussten wir durch unsere Internetrecherchen fast mehr über diese Organisation als die. "

Eine andere Mutter wendet sich mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit, spricht auch mit Journalisten. In ihrem kleinen Dorf wimmelt es von jugendlichen Anhängern der rechtsradikalen Szene. Doch die anderen Eltern wollen es nicht sehen. Schnell ist sie verschrien als " die mediengeile Alte ". Das Buch berichtet vom Kampf dieser Eltern um ihre Kinder und gegen eine verständnislose Gesellschaft.

Nachdem Claudia Hempel die Lesung beendet hat, wandelt sich die Stille unter den etwa 70 Besuchern der Remise in eine angeregte Diskussion. Das Interesse am Thema ist riesig, und so beantwortet die Buchautorin gern Fragen, wie beispielsweise nach dem Schicksal der Protagonisten oder auch zur Ignoranz der Gesellschaft gegenüber der Thematik.

Einige der Eltern aus dem Buch wandten sich an Opferberatungen, suchten nach Aussteigerprogrammen oder konfrontierten ihre Sprösslinge mit Ex-Nazis. Ein Hoffnungsschimmer : " Einigen gelang der Ausstieg. Andere stecken jedoch immer noch drin oder sogar noch tiefer ", sagt Hempel. Besonders am Herzen liegt ihr die Botschaft : " Kinder, die in die rechtsextreme Szene abrutschen, stammen nicht nur aus gesellschaftlich schwachen Strukturen. Keine Familie ist davor gefeit. " Hempel hat selbst einen 21-jährigen Sohn, und glücklicherweise sei sie von dieser Erfahrung verschont geblieben.

Wer mehr über dieses Thema wissen möchte bzw. Hilfe sucht, kann sich auf der Internetseite der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt informieren oder Kontakt aufnehmen.

www. lpb. sachsen-anhalt. de