Glücksmomente, Schicksalsschläge, neue Freundschaften, Trennungen – Der Fall der Mauer brachte für viele Menschen dies- und jenseits der Ecker tiefgreifende Veränderungen mit sich. Vier Frauen haben im Blankenburger Rathaussaal aus ihren Erinnerungen gelesen.

Blankenburg. " Wunder gescheh ‘ n " – Ein passenderes Lied hätten Ilona Ulrich und ihre " Wienröder Wanderfreunde " zum Auftakt der Autorenlesung im Rathaussaal kaum wählen können. Ging es doch dabei wohl um das größte Wunder der jüngeren Vergangenheit : Der friedlichen Revolution vor 20 Jahren mit dem Fall der Mauer.

Vier Frauen, die vor zwei Jahren in einer " Schreibwerkstatt " im Blankenburger Georgenhof ihre Gedanken, Gefühle und ganz persönlichen Erlebnisse im Zuge der Wende zu Papier gebracht haben, lesen aus ihrem enstandenen Büchlein " Brücken – Erinnerungen zusammenwachsen lassen. Texte aus Ost und West ". Es sind Ereignisse, die sich so festgebrannt haben, dass sie die Autorinnen auch nach dieser langen Zeit noch bewegen, die Zuhörer zum Teil betroffen machen, aber auch zum Schmunzeln bringen. So, wie Christel Schmeers Erlebnisse mit einem bayerischen Touristen bei einer Safari in Kenia. Oder auch die Beobachtungen eines " tierischen Grenzverkehrs " von Christa Borchers aus Veckenstedt : " Wir beobachteten immer einige Hühner und eine Katze, die seeelenruhig unter dem Grenzzaun durchkamen, sich im Westen sonnten und Wasser aus der Ecker tranken Nach einigen Blicken nach rechts und links – als wäre ihnen die Gefahr bewusst – krochen sie zurück in ihr gewohntes Umfeld. Unsere Kinder waren der Meinung :, Sind die aber dumm, die könnten doch im Westen bleiben. ‘"

Reinhilde Gebhardt erinnert in ihrer Erzählung an den Tag der Grenzöffnung, als sie wie Millionen Deutsche mit ihr die unglaubliche Nachricht im Fernsehen sah : " Die Mauer in Berlin ist geöffnet worden. " Dieser Tag wird nach Jahrzehnten auch ihre Familien zusammenführen, die nur wenige Kilometer entfernt voneinander leben, aber doch unerreichbar : Sie in Hüttenrode, die Schwägerin in Braunlage. Doch mit den Jahren klingt die Freude über die Grenzöffnung ab, sagt sie heute – auf beiden Seiten der Ecker. " Trotzdem, die heutige Erinnerung an den November 1989 sollte eine Brücke zum gegenseitigen Verständnis, zur Achtung vor dem Anderen sein, sollte einen Übergang schaffen, so wie die Holzbrücke über die Ecker. " Mit diesem hoffnungsvollen Satz schließen ihre Erinnerungen vom November 1989.

Im Rathaussaal klingen am frühen Dienstagabend weitere nachdenklichen Seiten der Wende an. So beschreibt Undine Schaeffer sichtlich bewegt das Wiedersehen mit ihrer Schwester, die sie Jahrzehnte nicht gesehen hat und erst gar nicht wiedererkennt. Sie schildert die schicksalhaften Wochen, in denen sie ihre Arbeit als Krankenschwester, ihre Wohnung und Rentenansprüche verliert. Der Weg vom DDR- zum Bundesbürger ist für sie entbehrungsreich und steinig. Undine Schaeffer : " Wenn ich an meine Empfindlichkeiten denke, muss ich sagen : Ich bin auf einem guten Weg, aber immer noch nicht angekommen. "

Angekommen ist dagegen ein besonderes Geschichtsprojekt, das Ulrich-Karl Engel, Referent im Verkehrsministerium Sachsen-Anhalts, den Zuhörern vorstellt : die " Brocken-Erklärung " ( siehe Infokasten / Volksstimme berichtete ). Pfarrer Axel Lundbeck, der den Nachmittag moderiert, dankt allen Mitwirkenden. " Es ist wichtig, diese Geschichten sich gegenseitig zu erzählen – in Blankenburg, aber auch in Ost und West ", sagte er. Besonders dankte er den " Wienröder Wanderfreunden ", die mit ihren perfekt ausgewählten und vorgetragenen Liedern, diese Lesung unwahrscheinlich aufgewertet haben.